Von Hans-Joachim Noack

Frankfurt/Main

Sie kamen bei Nacht und Nebel, „ein Zeichen zu setzen“. Am anderen Morgen und an den Tagen danach spaltete sich Frankfurts Bevölkerung in zwei lamentierende Lager. Der Haus- und Grundbesitzerverein sprach von „Terror“, die Jungsozialisten beeilten sich, den angeprangerten Vorgang mit einem Tausendmarkschein zu unterstützen, die Volkshochschule spendete 500 Mark für „einen bildungspolitischen Modellversuch“. Walter Möller, der Oberbürgermeister, hielt den „an sich widerrechtlichen Akt“ für „verständlich und in gewisser Weise auch begrüßenswert“.

Sie, etwa zwanzig junge Leute: Lehrlinge, Studenten, kinderreiche Väter und Mütter, Deutsche und Gastarbeiter, hatten am 19. September der Wohnungsnot in Frankfurt am Main auf höchst erregende Weise Herr zu werden versucht: Sie drangen in das fast leerstehende fünfstöckige Haus Nr. 47, Eppsteiner Straße, ein und hängten wie Bettlaken weithin sichtbare Transparente aus den Fenstern, auf denen sie die „Übernahme“ des Anwesens „in Selbstverwaltung“ verkündeten. Nachbarn erfuhren aus Flugblättern, die in ihren Briefkästen steckten, den Grund der Besetzung: „Für den Eigentümer ist das Gebäude ein reines Spekulationsöbjekt, für uns dringend benötigter Wohnraum.“

Die Aktion war offensichtlich gut geplant worden. Die Okkupanten kamen keineswegs als wilder Haufen und mit der Zielsetzung einer befristeten Demonstration gegen ein skandalöses Miet- und Bodenrecht – sie machten sich sogleich an die Arbeit, das verwahrloste Haus in ein halbwegs menschenwürdiges Domizil zu verwandeln. Nach wenigen Stunden bereits waren mehrere Zimmer neu tapeziert, zerbrochene Fensterscheiben ausgewechselt, elektrische Leitungen repariert; Kinder machten mit Spraydosen Jagd auf Wanzen, im verwilderten Vorgarten stand symbolträchtig und grün eine frisch gesetzte Jungtanne: denn Grün ist die Hoffnung.

Die Besatzer verrieten auch sonst Optimismus. Sie boten dem Eigentümer per Eilbrief einen pauschalen Mietvertrag an. Tausend Mark, meinten sie, müßten genügen. Ein derartiger Betrag entspreche einem Zehntel ihres realen Einkommens, und zehn Prozent seien zur Finanzierung des notdürftigsten Wohnraums wohl angemessen.

Sie bekundeten aber auch Unnachgiebigkeit. „Achtung“, stand auf einem Plakat zu lesen, „jeder Angriff auf dieses Haus ist ein Angriff auf die Lebensinteressen seiner Bewohner – wir werden unser Haus gegen jede Aggression verteidigen.“ Und zum Zeichen der Ernsthaftigkeit ihrer Drohung rollten sie schwere Mülltonnen vor das Tor, verbarrikadierten die Fenster der unteren Etage und stellten Tag- und Nachtwachen auf.