„Lolotte oder Die Stufenleiter der Wollust“, Roman von Andrea de Nerciat. Der französische Erzähler, der 1800 sechzigjährig in Neapel starb, hatte nur ein Thema: Erotisches in Roman- und Dramenformen. Seine Bücher „Félicia ou mes fredtaines“ (1775) und „Le doctorat Impromptu“ (1788) sind in den letzten Jahren auch in deutscher Übersetzung erschienen. Zu ihnen gesellt sich nun „Mon noviciat ou Les Joies de Lolotte“, 1792 veröffentlicht, also während der Revolution. Von ihren Ideen ist Nerciat freilich weit entfernt; er strickt einen erotischen Roman nach bewährtem Muster, galante Dutzendware, wie man sie im Ancien Regime liebte. Drei Monate vor ihrer Eheschließung beginnt Lolotte „die süße Laufbahn der Ausschweifungen“, und da erlebt sie natürlich all das, was der Leser erwartet. Die literarischen Versatzstücke sind die gewohnten: Kloster, Landsitz, Bordell, Rollentausch, Inzest. Das alles wird appetitlich zubereitet; die Herren demonstrieren nichts anderes als herkulische Potenz, die Damen die obligatorische Unersättlichkeit. „Dieses herrliche Konzert der Glieder“ (Nerciat) klingt eher wie ein schepperndes Menuett auf einem verstimmten Cembalo. (Verlag Rogner & Bernhard, München; 315 S., 22,–DM) Eckart Kleßmann

„Kleinste Prosa der deutschen Sprache“, herausgegeben von Ernst-Jürgen Dreyer. Es gibt keine bessere Einführung in die Literatur als Kurzprosa – was die Arbeit des Schriftstellers ist, was ihre Individualität und ihren Rang ausmacht, versteht man am besten am einzelnen Satz. So sehr der Herausgeber, Deutschlehrer an einem Goethe-Institut, jene, denen er das Werk eigentlich zugedacht hat, nämlich deutschlernende Ausländer, überfordert haben mag, so nützlich könnte dieses Lesebuch für den Literaturunterricht an den Schulen werden: für einen Literaturunterricht, der nicht Stoff für den Besinnungsaufsatz liefert, sondern hellhörig macht für Sprache. Die Anordnung der aus acht Jahrhunderten deutscher Literatur zusammengetragenen Texte – Fabeln, Parabeln, Aphorismen, Anekdoten, ganz selten auch kleine in sich geschlossene Episoden aus größeren Zusammenhängen – ist. auf den ersten Blick pedantisch, auf den zweiten chaotisch, erst auf den dritten oder vierten enthüllt sich die sinnreiche List, die einzelnen Stücke in Konfrontation und Zuordnung wechselseitig zu erhellen und aus Widersprüchen und Ähnlichkeiten das vielstimmige Kontinuum einer literarischen Tradition neu entdecken zu lassen. Der belesene Herausgeber hat sein Material gründlich aufbereitet und nicht nur aus naheliegenden Quellen geschöpft, sondern zwischen der Sankt Galler Handschrift und Brecht, zwischen den Gesta Romanorum und Schnurre viel Entlegenes, Vergessenes und Verschollenes wiederentdeckt. (Max Hueber Verlag, München; 385 S., Faksimiles, 28,– DM) Hans Krieger