Die Delegation war überfordert – Wissenschaftler als Politiker wider Willen

Von Claus Grossner

Nowosibirsk/Moskau, Ende September

Schon am zweiten Tag der Reise Minister Leussinks und seiner Delegation durch die Sowjetunion erklärte der stellvertretende Vorsitzende des Staatskomitees für Wissenschaft und Technik, Dscherman Gwischiani: „Ein Rahmenabkommen für die Zusammenarbeit in Wissenschaft und Technik zwischen der Bundesrepublik Deutschland und der Sowjetunion ist in absehbarer Zeit durchaus möglich.“

Gwischiani, der Schwiegersohn Kossygins, ein brillanter, jugendlich wirkender Managertyp, trägt einen dunkelblauen Seidenmohairanzug und spricht fließend englisch: „Wir sind an jeglicher Kooperation interessiert: angefangen vom Lastwagenwerk – jener Gruppe unter der Führung von Daimler-Benz – bis zur Datenverarbeitung mit der Firma Siemens, die hier bereits einen Computer installiert hat.“

Die Herzlichkeit der russischen Gastgeber und ihr betontes Interesse an konkreten Übereinkünften haben ein ursprünglich als relativ unverbindliche Informationsreise geplantes Unternehmen zur hochpolitischen Mission werden lassen. Die Reise war schon Ende vorigen Jahres über den jetzigen Staatssekretär im Bundesverteidigungsministerium, E. W. Mommsen – damals noch Thyssen-Röhrenwerke – in Moskau angebahnt und dann durch die sogenannte Emmel-Kommission Anfang dieses Jahres vorbereitet worden.

Nach der Unterzeichnung des deutsch-sowjetischen Vertrags Anfang August zeigte sich hier nun auf dem Gebiet der Wissenschaft zum erstenmal, welche konkreten Hoffnungen die Sowjets haben und wozu der allgemeine Koexistenzvertrag führen kann.