Mit dem siebengeschossigen Hamburger Bürohaus, das im Juni 1969 innerhalb von fünf Tagen im Rohbau errichtet wurde, kokettierten die Fertigbauer noch im Mai 1970. Im September wollten sie von ihrer Antwort auf die Frage „Wie schnell ist ein Fertighaus fertig?“ (Seite 52 des Katalogs der Wulfener Fertighausausstellung 1970) nichts mehr wissen. Fertigbauen ist ebenso langwierig geworden wie konventionelles Stein-auf-Stein-Türmen. Wer bei der Firma Okal noch im Januar 1972 sein Häuschen beziehen will, muß sich mit einem verputzten Heim begnügen. Wem nur Klinker dem Status angemessen erscheinen, der wird mit dem Einzug bis April 1972 warten müssen.

Der deutsche Fertigbau sitzt in der Produktionsklemme. Wo die Auftragsbücher binnen Monaten um 100 und mehr Prozent dicker werden, da bleiben die Lieferfristen auf der Strecke. Doch die Fertigbauer haben Glück. Vorstandsmitglied Heiner Nachbarschulte vom Bundesverband Montagebau und Fertighäuserkonnte es in Wulfen stolz verkünden: „Der Fertigbau hat am Markt der Einfamilienhäuser die Schallmauer durchbrochen.“ Hans Streif, ebenfalls Fertighausanbieter mit Resonanz, stellteeuphorische Prognosen: „Wir wollen 20 bis 30 Prozent Marktanteil.“ 1969 waren es erst 5,8 Prozent. Nun können die Fertigbauer allerdings den „Lorbeer ungeahnter Erfolge 70“ nicht ausschließlich um ihr eigenes Haupt winden. Auch dem DGB, dem Deutschen Gewerkschaftsbund, gebührt wohl ein Kranz im Haar. Der Galopp der Kosten wurde schließlich von – den Löhnen eingepeitscht. Im Handumdrehen profilierten sich die Fertigbauer im Preis. Während sie bisher nur mit ungewöhnlich kurzen Bauzeiten operierten, wuchs ihnen gerade in dem Augenblick das Preisargument zu, als sie ihre prompten Lieferfristen einbüßten.

Fertighäuser sind also da, wo Städte- und Wohnungsbauminister Lauritz Lauritzen auch für den Hochbau den Wettbewerb am Baumarkt sehen möchte: bei einem Preis, der niedriger ist als jener im konventionellen Bau. Die Fertighaushersteller beziffern ihren preislichen Wettbewerbsvorsprung auf 15 bis 20 Prozent. Da sie jedoch in Kürze selbst die Preise um sechs bis acht Prozent heraufsetzen wollen, wird die Schere zwischen konventionellem Einfamilienhaus und dem Haus von der Stange wieder zusammenklappen. Doch der Lohntrend in der Bauwirtschaft könnte sie bald erneut öffnen.

Aber die Großen am Markt für Fertighäuser werden selbst dafür sorgen, daß ihnen die einmalige Chance ungewöhnlicher Wachstumsraten nicht verlorengeht. Hohe Investitionen werden die Marktanteile neu ordnen und den Konzentrationsprozeß beschleunigen. Die Großen unter den Fertighausherstellern wollen aber nicht nur über Investitionen (und damit über kürzere Lieferfristen) Marktanteile an sich reißen. Sie werden alles daran setzen, auch über den Preis oder über die Konditionen – was für die Bauherren auf das gleiche hinauskommt – in Jahresproduktionsziffern von 10 000 Stück und mehr vorzustoßen.

Ein Unternehmen hat die Weichen bereits gestellt. Es wird in Kürze ein Fertighaus herstellen, von dem man in der Branche weiß, daß es viele der ungefähr 500 Anbieter am deutschen Markt das Fürchten lehren wird. Ein Blick in das derzeitige Angebot (siehe den PREIS-SPIEGEL auf dieser Seite) zeigt, daß mit dem neuen Haus Marktstrategie betrieben wird zugunsten der Rendite von übermorgen: Es wird 137 Quadratmeter Wohnfläche haben, davon 88 im Untergeschoß. Das Dachgeschoß soll einen Neigungswinkel von 35 Grad haben und voll getäfelt sein. Nicht nur Betten und Schränke gehören in das Angebot, die Konditionen umfassen ebenso Heizung, Warmwasserbereitung, Kühlschrank, Küche, Geschirrspüler und – Abfalleimer. Transportkosten? Keine. Preis: 70 000 Mark frei Baustelle im Bundesgebiet und Westberlin.

„Ein Markt mit Musik“, formulierte in Wulfen ein aggressiver Häuserverkäufer. Bei solchen Angeboten werden die zahlreichen Interessenten für Einfamilienhäuser, denen der konventionelle Bau mit seinen Preiseskapaden eine Nase drehte, nicht mehr wie bisher skeptisch an die Wände der Häuser von der Stange klopfen, sondern mehr als je zuvor an die Stirn tippen in der Erkenntnis, daß der Traum von den eigenen vier Wänden doch nicht in einer gesellschaftspolitisch funktionierten Lohnpolitik zerstob.

Dies war eines der bedeutsamsten Ergebnisse von Wulfen: Einfamilienhäuser bleiben erschwinglich. Ihre Variationsmöglichkeiten haben sich erheblich verbessert. Zwar konnten in Wulfen nur „geköpfte“ Häuser gezeigt werden, weil man im Stil der Neuen Stadt Wulfen nur mit Flachdächern bauen durfte, aber das moderne Fertighaus steht mit allen Dachvarianten zur Verfügung. Einige Häuser beugen sich bis auf die Naßzellen – das Bad – den Wünschen der Kunden. Der Grundriß gehorcht dem individuellen Bedarf und Geschmack.