Von Dietrich Strothmann

Es war kein sorgloses Lächeln; es war eher gequält und verkrampft. Gamal Abdel Nasser stand im Kairoer Hilton-Hotel zwischen den beiden uniformierten, bewaffneten Widersachern, zwischen dem König und dem Guerilla. Es war am vergangenen Sonntag. Die Blitzlichter der Photoreporter flammten auf.

Nach langem, heftigen Wortwechsel hatten Hussein und Arafat das Waffenstillstandspapier unterzeichnet, das den jordanischen Bürgerkrieg beenden sollte. Es war Nassers Werk gewesen. Noch einmal hatte er sein Prestige eingesetzt, seine Macht ausgespielt, um die feindlichen Brüder zum Burgfrieden zu zwingen. Es war sein letztes Werk. Und das Photo, das ihn zeigt, wie er mit dem starren Lächeln zwischen den beiden Rivalen steht, wird als das letzte Dokument des ägyptischen Präsidenten aufbewahrt werden: Nasser als der ehrliche Makler im arabischen Bruderzwist. Einen Tag danach war er tot.

Es war ein plötzlicher, unerwarteter Tod. Fr kam wie ein Blitz, schnell und ohne Vorwarnung. Und er fällte jäh einen großen, starken Mann, der erst 52 Jahre alt war, der den Höhepunkt seines Lebens noch nicht erreicht, die Krone seines Sieges noch nicht errungen hatte. Nasser starb auf halber Wegstrecke. Nun bleibt es ungewiß, wohin ihn sein Weg geführt hätte – in die Tiefen einer neuen Niederlage oder zu den Höhen unangefochtenen Ruhms, in den Krieg oder zum Frieden.

Zuletzt hatte sich Nasser, so schien es, für den Frieden entschieden, wenn auch wohl nicht aus freiem Entschluß, sondern eher auf Moskaus Drängen hin. Immerhin hatte er es gewagt, sich mit den Israelis zu verständigen. Und er war immerhin noch mächtig genug, seinen Gegnern im arabischen Lager zum Trotz, den Syrern, Irakern und Algeriern, das Wagnis einzugehen. Er willigte in den Waffenstillstand am Suezkanal ein. Freilich zeigte sich auch bald, daß er die Feuerpause zu seinen Gunsten auszunutzen verstand: Unter dem Schutzmantel der vereinbarten Waffenruhe baute er seine Militärstellungen aus. Gamal Abdel Nasser war bis zuletzt eine zwielichtige Natur. Er riskierte, als er den Waffenstillstand akzeptierte, den Bruch der arabischen Front, und er rüstete sich, indem er das Abkommen brach, zur gleichen Zeit für den nächsten Waffengang. Ähnlich ging er auch mit Hussein um: Erst nahm er den jordanischen König vor den Fedayin in Schutz, dann aber, als sich dieser energisch gegen seine Nebenbuhler zur Wehr setzte und sie zu einem grausamen Kampf herausforderte, wandte er sich von ihm ab.

Daß Nasser häufig wie jemand wirkte, der zwei Gesichter zeigt – eines, das Vertrauen erweckt, und eines, das Mißtrauen einflößt –, hängt damit zusammen, daß er oft zuviel auf einmal wollte. Er wollte Einigkeit unter den Arabern und Einvernehmen mit den Juden, Freundschaft mit Moskau und Partnerschaft mit Washington, Revolution und Evolution, Sozialismus und Kapitalismus, Krieg und Frieden. So kam es auch, daß seine Tragödien größer waren als seine Triumphe, daß er mehr verlor als gewann. Doch da in der arabischen Welt keiner an ihn heranreichte, war er bis zuletzt – geschlagen in drei Kriegen, gedemütigt durch politische Fehlschläge – immer noch der unangefochtene Führer. Sein Name galt viel, sein Einfluß war ungeschmälert, sein Nimbus ungebrochen.

Nicht nur in Kairo sangen die Kinder Tag für Tag vor Schulbeginn: Nasser, wir alle lieben dich; Nasser, wir alle beschützen dich; Nasser, wir alle folgen dir; Nasser, du wirst von allen verehrt." Und was sein Vizepräsident Anwar Sadat nach seinem Tode sagte, stand schon zu seinen Lebzeiten fest: "Nasser war größer, als Worte es auszudrücken vermögen." Er war, angeschlagen zwar von vielen verlorenen Schlachten, ein arabisches Denkmal, er bleibt, gedemütigt von manchen Schlappen, ein Idol.