Bochum

Am Morgen des ersten Kongreßtags in Bochum sang ein adretter Gewerkschafts-Jugendchor „We shall overcome“, am Abend des ersten Kongreßtages ließ sich Frau Gertrud Mahnke, Chefin der Abteilung Frauen der IG Metall und einziges weibliches Mitglied des Vorstandes, das Bundesverdienstkreuz überreichen – es gibt eben doch noch, quer durch alle Schichten, spezifisch weibliche Qualitäten, zum Beispiel den Sinn fürs Dekorative. Und es gibt eben doch noch Dinge, auf die man sich, quer durch alle Schichten, verlassen kann, zum Beispiel darauf, daß man auf einem Kongreß immer mit einem gewissen Minimum an freundlichen Gaben rechnen kann, zum Beispiel Bergen von Broschüren, einer Kunstledermappe (mit, unter anderem, Nähzeug und einem roten Portemonnaie), einem Teller fürs heimische Büfett.

Rund 200 (ehrenamtlich tätige) Delegierte sowie rund 150 (hauptberufliche) Bevollmächtigte, die zusammen rund 200 000 organisierte weibliche Arbeitnehmer der Metallwirtschaft vertreten, dazu ausländische Gäste und Zuhörer, waren in der vergangenen Woche nach Dortmund gekommen, um sich zwei Tage lang mit dem Thema „Frauenerwerbsarbeit – Realitäten und Konsequenzen“ zu befassen. Fleißige Vorarbeit war geleistet worden, die Themen, die die IG-Metall-Frauen ihren Männern und der Gesellschaft ans Herz legen möchten, in einem Katalog von 158 Anträgen zusammengefaßt, oder besser, ausgearbeitet. An der Spitze ihrer Forderungen stand das Thema, dem Gertrud Mahnke ihr Referat am zweiten Konferenztag widmete: Gleiche Entlohnung für Frauen wie für Männer, ein Punkt, von dem man meinen sollte, daß er keiner Diskussionen mehr bedarf. Der Arbeitsalltag aber, für den Frauen immer noch bis zu einem Drittel weniger bezahlt bekommen als Männer, zeigt, daß da noch manche Referate nötig sein werden.

Die anderen Punkte galten vor allem folgenden Themen: Abschaffung der Paragraphen 218 StGB (Abtreibung) und 1356 BGB (Einschränkung des Rechts der Ehefrau auf Arbeit), Verlängerung des Karenzurlaubs für Mütter, Einführung eines bezahlten Bildungsurlaubs, Einführung einer obligatorischen Vorschulerziehung und Einrichtung von Ganztagsschulen, flexiblere Handhabung des Pensionierungsalters, bessere Berufsausbildung für Mädchen, Erweiterung des Unfallschutzes.

Am ersten Tag freilich hatte man von 158 Anträgen nur knapp 30 abhaken können. Und das kam vor allem dadurch, daß Kollege Helmut Rohde, seines Zeichens Parlamentarischer Staatssekretär im Bundesarbeitsministerium, versuchte, mangelnden Inhalt einer Rede durch Pathos und Länge wettzumachen. Helmut Rohde, Dr. Helga Wex (stellvertretende Vorsitzende der CDU) und Lieselotte Funcke (Mitglied der FDP und Vizepräsidentin des Bundestages) waren gebeten worden, zu einem von den Gewerkschaftlerinnen vorgelegten Fragenkatalog Stellung zu nehmen. Daß Helga Wex nicht nur das präziseste Referat hielt, sondern auch noch schnell entschlossen Termine in Bonn absagte, als man ihrunterstellte, sie wolle sich vor weiteren Diskussionen drücken, wollte einigen Teilnehmern nicht recht ins Weltbild passen. Aber dafür, daß Helmut Rohde so konzentriert am Thema vorbeisprach, brachte er ja ein Bundesverdienstkreuz aus Bonn mit.

Es gibt noch allzu spezifisch weibliche Qualitäten, zum Beispiel die, daß sie sich, quer durch alle Schichten, von den Männern ein X für ein U vormachen lassen. Petra Kipphoff