Conterganähnliche Erscheinungen“ als Folge eines jahrtausendelangen Strahlenbombardements aus dem Kosmos befürchtet der Stuttgarter Paläontologie-Professor Hans-Georg Wunderlich; Zoologen und Botaniker erwarten eine genetische Katastrophe, Science-fiction-Autoren verbannen gar die Menschheit in ein dumpfes, finsteres Höhlendasein.

Ursache des Gelehrten-Grusels: US-Geophysiker errechneten vor zwei Jahren eine ständige Abnahme des schützenden Magnetfeldes der Erde. In 2000 Jahren, so prophezeiten die Forscher, sei der magnetische Schutzschild völlig geschwunden – eine erneute Umpolung des Erdmagnetfeldes stehe bevor. Derartige Umpolungen gehören freilich seit einigen Jahren zum erdgeschichtlichen Alltag der Wissenschaftler; allein in den letzten vier Millionen Jahren (Alter der Erde: 4,5 Milliarden Jahre) registrierten Geophysiker über zwanzig Magnetpolwechsel, den letzten vor 700 000 Jahren.

Jetzt stellen zwei amerikanische Forscher die Hauptursache für Erbmasse-Schädigungen (Mutationen) bei Tieren und Pflanzen während einer Magnetfeldumpolung in Frage: Nicht der ungehinderte Einfall von harter kosmischer Strahlung, so berichteten die US-Wissenschaftler Kennett und Watkins unlängst im britischen Wissenschaftsjournal „Nature“ (29. August), sondern eine Klima Veränderung durch Vulkanasche habe möglicherweise die beobachteten Brüche in der kontinuierlichen Evolution von Lebewesen bewirkt.

Kennett und Watkins fanden in Gesteinskernen, die von dem US-Bohrschiff „Eltanin“ südöstlich von Neuseeland aus dem Pazifikboden entnommen wurden, einen kaum zufälligen Zusammenhang zwischen Magnetpolwechseln, Vulkanasche und ausgestorbenen – oder neu entwickelten – Lebensformen. Die beiden Forscher erbrachten damit die ersten Beweise für eine neue geophysikalische Theorie, die 1968 von Dr. James Heirtzler (Lamont Geological Observatory, New York) aufgestellt wurde.

Heirtzler überlegte damals, welche Kraft wohl imstande wäre, das Magnetfeld der Erde umzukippen. Eine Reihe sehr schwerer Erdbeben, so spekulierte er, könnte durchaus die Rotation der Erde beeinflussen. Als Folge dieser Schwankungen sei ein Magnetfeldwechsel möglich.

Kennett und Watkins griffen diese Theorie auf und suchten nach Beweisen für starke Erdbebentätigkeit während der – hinreichend bekannten – Umpolungen. Da erdgeschichtliche Erdbeben jedoch kaum erkennbare Spuren hinterließen, beschränkten sich die beiden Forscher bei ihren Recherchen auf einen sekundären Effekt weltweiter seismischer Unruhe: auf das Vorkommen von Vulkanasche in Ablagerungsschichten.

Die Suche hatte einige Aussicht auf Erfolg. Denn schon einzelne katastrophale Vulkanausbrüche vermögen genug Asche und Staub in die oberen Schichten der Atmosphäre zu schleudern, um eine sichtbare Veränderung der Stratosphäre zu bewirken. So verursachte die Explosion der indonesischen Vulkaninsel Krakatau im August 1883 eine weltweite Trübung der Stratosphäre, die noch Jahre später in Europa besonders „schöne“ Sonnenuntergänge hervorrief.