Von Marion Gräfin Dönhoff

Wie rasch die Szene sich wandelt: Ende Juli erst war es den amerikanischen Bemühungen gelungen, Nasser und die Israelis zu einem Waffenstillstandsabkommen zu bewegen; Ende August fanden in New York erste diplomatische Gespräche statt. Zögernd begann allenthalben Friedenshoffnung aufzukeimen, zum erstenmal seit Lnger Zeit. Nicht einmal die notorische Verletzung der Waffenstillstandsvereinbarung durch die Verschiebung der sowjetisch bemannten ägyptischen Raketenstellungen in der Kanalzone vermochte sie nachhaltig zu entkräften.

Dann kam jener 6. September, an dem drei große Verkehrsmaschinen von der palästinensischen Befreiungsbewegung entführt und 300 Menschen zu Geiseln gemacht wurden. Mitte September brach dann der Bürgerkrieg in Jordanien mit voller Gewalt aus. Panzer rollten auf beiden Seiten, Amman brannte lichterloh. Verwundete, die niemand versorgte, starben in den Straßen der Hauptstadt, Artillerie feuerte in die Flüchtlingslager. Aber schließlich gelang es dem ägyptischen Staatspräsidenten, der die arabischen Führer in Kairo versammelt hatte, König Hussein und den Führer der Palästinensischen Befreiungsfront zur Annahme eines Waffenstillstandsvertrags zu bewegen. Seine Einhaltung soll – im Gegensatz zu früheren Abkommen – von Offizieren verschiedener arabischer Nationen überwacht werden; für den Fall der Verletzung drohen beiden Seiten kollektive Sanktionen der arabischen Unterzeichnerstaaten.

Das war am 27. September. Einen Tag später starb Gamal Abdel Nasser. Sein Tod stürzt den Nahen Osten in neue Ungewißheit. Zunächst einmal scheint nun alle Hoffnung auf einen Kompromiß illusorisch, denn nur Nasser war stark und unabhängig genug, um an Verhandlungen mit Israel denken zu können. Nur er erschien als Garant für die Ideale seines Volkes: nationale Selbständigkeit, Kampf gegen Kor-, ruption, Industrialisierung und Sozialismus.

Viele Faktoren bestimmen das Schicksal der südlichen Mittelmeerküste: arabische Regierungen, revolutionäre und konservative; Guerillas, die niemand im Zaume hält; ferner Israelis und schließlich Russen und Amerikaner. Keine andere Veränderung hätte die Situation mit einem Schlage so vollständig wandeln können wie der Tod Nassers.

Wer wird jetzt mäßigenden Einfluß ausüben? Denn Nasser war ein Faktor des Ausgleichs. Immer hat er versucht, zwischen rechts (der Arabischen Bruderschaft) und links (den ägyptischen Kommunisten) zu balancieren; lange Zeit auch zwischen Amerikanern und Russen, die er beide sehr erfolgreich zur Entwicklungshilfe heranzog. Welches Land wird sich jetzt als führende arabische Macht herauskristallisieren? Auf lange Sicht kann es kraft seiner Potenz immer nur Ägypten sein, aber für den Moment mögen sehr wohl irgendwelche Abenteurer oder Guerillas die Schrittmacher werden. Wie werden die Russen nun weiter operieren? Wen könnte man sich als Verhandlungspartner der Israelis vorstellen? Fragen über Fragen. Es wird Monate dauern, bis man sieht, wohin die Reise geht.

Zunächst allerdings ist nur eine Frage entscheidend: Wer wird Nassers Nachfolger? Einer der alten Freunde aus der Offiziersjunta, die 1952 Faruk stürzte? Neben dem amtierenden Staatspräsidenten Anwar El Sadat gibt es noch Ali Sabri, den Chefideologen, und Sakaria Moheddin, den Chef der Technokraten. Oder geht der sowjetische Einfluß so weit, daß Mohammed Fausi, der Oberbefehlshaber der Streitkräfte, in Frage käme?

Wichtige Faktoren in der ägyptischen Innenpolitik sind die Armee, die Bürokratie und die Technokraten. Es liegt nahe anzunehmen, daß es im ägyptischen Establishment eine proöstliche Gruppe gibt und eine antiöstliche – vielleicht sogar eine prowestliche. Niemand weiß heute, wer wie stark ist. Darum könnte man sich gut denken, daß Kairo wieder zu einer Junta zurückkehrt, einem Kollegium, in dem einer den Vorsitz führt. Dies freilich wäre dann nur ein Provisorium. Nasser hat das Gesicht der arabischen Welt entscheidend gewandelt – es könnte sein, daß es sich ohne ihn noch einmal von Grund auf verändert.