Am Freitag dieser Woche werden in Italien nicht mehr alle Räder stillstehen. Denn nur noch ein Haupt-Gewerkschaftsverband will mit Arbeitsniederlegung Druck gegen die Regierung ausüben. Während die christlich-sozial beeinflußte CISL und die sozialistisch angehauchte U1L die Reformangebote des Kabinetts Colombo ernst nehmen, will der kommunistisch gelenkte Haupt-Gewerkschaftsbund CGIL weiterstreiken. In Betriebsversammlungen und Kader-Diskussionen beschlossen die Roten, daß weiterer Druck die Regierung noch gefügiger machen soll.

Aber ein großer Teil der Arbeiter will nicht mehr streiken. Die Erkenntnis, daß weitere Streiks die Verhandlungsbereitschaft der Regierung nicht verstärken und die Konjunktur vollends vernichten, mag dabei eine Rolle spielen. Was mehr, zählt, ist jedoch der Inhalt der Lohntüten.

„Der Streik soll eine außerordentliche Waffe im sozialen Kampf bleiben“, meditierte CISL-Gewerkschaftsführer Storti vor Journalisten. Der christlichsoziale Gewerkschaftsboß schlug der verdutzten Öffentlichkeit den zivilen Ungehorsam als neues Kampfmittel vor. Die Arbeiter sollten einfach ihre Telefon-, Strom- und Gasrechnungen bis auf weiteres nicht mehr bezahlen und nach eigenem Gutdünken gratis Omnibus fahren. Die UIL-Sozialisten kritisieren jawohl diese christlichen wie auch die kommunistischen Kampfvorschläge.

Die Dreieinigkeit der Gewerkschaften ist durch die Forderung der Kommunisten nach weiteren Kraftakten in Frage gestellt Statt zum Endspurt auf die nach dem heißen Herbst in greifbare Nähe gerückte Einheits-Gewerkschaft anzusetzen, streiten die Gewerkschaften wieder um Politik. CISL und VW als die kleineren Verbände schrecken immer wieder vor dem Gedanken zurück, sich der erdrückenden CGIL-Umarmung auszuliefern. Selbst innerhalb der CGIL wirft eine kleinere sozialistische Minderheit den beherrschenden Kommunisten parteipolitische Interessennahmen vor.

Um das Durcheinander voll zu machen, treten die Metallarbeiter aller Verbände seit dem heißen Herbst 1969 als Einheitsfront an. Für Feinde halten sie nicht nur Regierung, Arbeitgeber und die ganze Bourgeoisie, sondern auch die Widersacher vom linken Flügel. fg