Blackpool, im September

Kann man schon ein Urteil über Harold Wilson wagen? Vielleicht dies: Er hat eine zerstrittene Partei geeint an die Macht gebracht und führt sie nun geeint in die Opposition. Was dazwischen lag, war nicht immer erfolgreich, und was nun kommt, ist dunkel. Aber da sich viele der Parteitagsdelegierten in Blackpool an die erbitterten Richtungskämpfe nach der letzten Wahlniederlage (1959) erinnerten, waren sie nur zu froh, daß die Garde auf der Tribüne die Parole ausgab: Blick voraus, Kampf den Tories, und über den Tag, an dem wir die Wahl verloren haben, schweigen wir lieber.

Dies ist nicht mehr Gaitskells und Bavans. Partei, es ist die Partei Harold Wilsons. Rechtsdrall oder Linksrutsch sind keine Kategorien, Verstaatlichung und Wasserstoffbombe keine Spaltpilze mehr. Wilsons Parteitagsrede lieferte den sogenannten "Rechten" im Saal Beispiele seines unideologischen Pragmatismus und den "Linken" den Slogan, wenn der Sozialismus noch nicht erfunden sei, jetzt müsse man ihn erfinden, um damit den falschen Individualismus der Tories abzuwehren. Die einstigen Verstaatlichungsdebatten sind vor dem Kampf, die Massenvernichtungsmittel abzuschaffen, gewichen. Die nächste Labourregierung, kündigte Wilson unter starkem Beifall an, werde jedes Abkommen der Tories über Waffenlieferungen an Südafrika für ungültig erklären. Im Ballsaal des Wintergartens von Blackpool breitete sich bei solchen Worten Adventstimmung aus, so, als stehe die Erlösung aus der langen Nacht der Opposition schon unmittelbar bevor.

Aber hat nicht Labour sogar Grund zum Optimismus? Die Tories schicken sich an, die Gewerkschaften bei den Hörnern zu nehmen. In der nächsten Woche erscheint das Dokument, das die Details der Reformpläne mitteilen soll, rechtzeitig zum konservativen Parteitag, der ebenfalls in Blackpool stattfindet. Wilson macht dazu die Miene eines Cowboys, der mit schmerzendem Rücken auf dem Gatter hockt und in Schadenvorfreude zusieht, wie der nächste Mutige in die Koppel geht, um die Zähmung zu versuchen. Heath hört gewiß viele aufmunternde Worte, aber acht Millionen Gewerkschaftler sind auch steht Millionen Wähler, und allein mit dem Mittelstand konnte in diesem Jahrhundert noch kein Tory-Führer sein Amt als Premier erringen.

Dann ist da der Gemeinsame Markt. In Blackpool haben nun endlich die Beitrittswilligen in den Reihen der Sozialisten einen Anführer gerunden den bisherigen Finanzminister Roy Jenkins, der nach dem Ausscheiden von George 3rown zum zweiten Mann in der Fraktion aufgerückt ist und mit Wilson dem Parteivorstand angehört. Jenkins wird die dezimierten Befürworter eines Kurses auf Europa sammeln und hat das mit einer programmatischen Rede angekündigt.

Die taktischen Möglichkeiten, die für die Labour Party in den Beitrittsverhandlungen liegen, erschöpfen sich ja keineswegs darin, daß eine Unterschrift unter die Verträge die Regierung

Heath unpopulär machen muß. Die steigenden Lebenshaltungskosten während der Zeit der Anpassung an den Gemeinsamen Markt sind ein ,legitimer" Grund für Labour, die nächsten Wahlen zu gewinnen, wie ihn die Tories hatten, als sie von der Mühsal der Sanierung der Zahlungsbilanz durch Wilson und Jenkins profitierten. Natürlich würde keine künftige Labourregierung einen Beitritt kündigen. Der EWG-Beitritt wird für Wilson, was für Heath die Pfundkrisen varen: ein Steigbügel zur Macht. Beide kennen das Geheimnis des britischen Zweiparteiensystems: Aus eigener Kraft kann man den Sieg nicht schaffen, der andere muß schon kräftig mithelfen. Karl-Heinz Wocker