Argentinien schielt nach Europa, während of fiziell der Blick noch immer nach Norden, auf die Vereinigten Staaten fixiert ist. Die Abhängigkeit Buenos Aires’ vom nordamerikanischen Markt versuchen die Regierungen seit Jahren durch intensivere Wirtschaftsbeziehungen zu den EWG- und EFTA-Staaten zu mildern. Dabei stößt Argentinien auf den harten Widerstand der Europäer, genauer ausgedrückt, der europäischen Bauern.

Denn Argentinien ist einer der größten Fleischproduzenten der Welt. „Steaks“ nach Amerika zu senden, wird immer schwieriger, weil die USA nicht gerade zu den liberalen Handelsnationen gehören. Nach Europa – vor allem Italien und England – können die Argentinier jedoch auch nur gelegentlich liefern, und das unter ständig schwieriger werdenden Bedingungen. Großbritannien zum Beispiel schützt die heimische Viehwirtschaft, indem es ab und zu die Güte argentinischen Fleisches anzweifelt.

Die Argentinier weisen Kritik dieser Art entrüstet zurück. 1968 waren die argentinischen Fleischexporte nach England fast stillgelegt worden, bis Buenos Aires sich entschloß, britischen Vorstellungen gerecht zu werden und seine Fleischexporte – es handelte sich um aufgeteilte Rinder – auf die von den Engländern geforderten Spezialschnitte und Kleinpackungen umzurüsten.

Die Exporte in den EWG-Raum gestalten sich aus argentinischer Sicht besonders pikant. Ursprünglich verhandelten die Emissäre aus Buenos Aires mit den einzelnen Regierungen der Mitgliedstaaten über Fleischlieferungen. Diese erklärten sich jedoch nach Inkrafttreten der Römischen Verträge für nicht zuständig und baten die Südamerikaner, doch mit der Brüsseler Kommission zu verhandeln. Die Kommission allerdings „fühlte“ sich lange Zeit nicht kompetent, und die Argentinier mußten nun zwischen den diversen Hauptstädten und Brüssel hin und her reisen, um ihre Anliegen vorzubringen. Diese Aktivität hatte den Vorteil, daß die argentinischen „Reisenden in Fleisch“ lange Trips durch Europa machten, aber ansonsten führten sie lange Zeit zu nichts.

Endlich gelang es ihnen, der Kommission in Brüssel einen Antrag auf einen Vertragsabschluß auf den Tisch zu legen. Da liegt er nun. Die Frage muß vom Ministerrat behandelt werden, dieser kann aber erst aktiv werden, wenn die Kommission die Ampel auf Grün schaltet. Man rechnet in Buenos Aires, daß die Verhandlungen in etwa drei Jahren zu einem positiven Ergebnis führen werden.

Eine Tonne tiefgefrorener, aufgeteilter Rinder aus Argentinien kostet 500 Dollar – ohne Transport. Die Fracht beträgt etwa 70 Dollar. In Europa angekommen, gehen 120 Dollar für Zoll und Abgaben drauf. Damit aber nicht genug: Im Juni betrug der Abschöpfungsbetrag 242 Dollar. Ohne Zoll und Abschöpfungsbetrag wäre das argentinische Rind etwa 1500 Mark billiger als deutsches Rindvieh.

Deutsche Behörden hatten den Argentiniern schon vor Jahren Auflagen über das in die BRD zu exportierende Fleisch gemacht. Da mit einiger Berechtigung davon ausgegangen werden konnte, daß die sanitären Vorstellungen der Argentinier mehr lateinamerikanischer Natur als deutschem Wesen entsprechen, machte man es in Buenos Aires zur Auflage, deutsche Fleischbeschauer für Argentinien anzuheuern. Trotzdem wird das Pampa-Rind in Deutschland fast ausschließlich von Wurstfabriken verarbeitet. Der Fleischer an der Ecke bietet weiterhin Rindfleisch aus „europäischen Landen“ an. Jürgen Koch