Von Ruth Herrmann

Einst wurde Kindern, die nicht zu Bett gehen wollten, mit dem Sandmann gedroht. Aus dem Mann ist ein Männchen geworden, das Sandmännchen, Kindergutenachtsager der ARD. Es erscheint abends um Viertel vor sieben nach den regionalen Berichten vom Tage. Sandmännchen ist eine verhutzelte Puppe mit Zipfelmütze. Das Beweglichste an ihm ist der milde mahnende Zeigefinger. Sandmännchen führt sich mit süßer Stimme ein. Es soll ja die Kinder nicht verschrecken, sondern sie vor den Fernseher locken.

Der Sandmann von dazumal war ein anderes Kaliber: „... das ist ein böser Mann, der kommt zu den Kindern, wenn sie nicht zu Bette gehen wollen, und wirft ihnen Hände voll Sand in die Augen, daß sie blutig zum Kopfe herausspringen, die wirft er dann in den Sack und trägt sie in den Halbmond zur Atzung für seine Kinderchen; die sitzen dort im Nest und haben krumme Schnäbel wie Eulen, damit picken sie der unartigen Menschenkindlein Augen auf.“ So beschreibt E. T. A. Hoffmann zu Beginn des vorigen Jahrhunderts die alte Erziehungsstütze.

Unterschiede zwischen Sandmann und Sandmännchen sind taktischer Art, Ähnlichkeiten wohl zufällig. Streute nicht auch Sandmännchen den Kindern Sand in die Augen, es hätte seinen Namen nicht verdient. Nur wirft es nicht mehr so roh mit gewöhnlichem Sand. Was es verteilt, ist eine Art von Streugut, das mehr Wirkung hat und haben soll, als nur die Kinder zum Schlafen zu bringen. Den Stoff, aus dem seine Kinderträume gemacht sind, lohnt sich zu untersuchen.

Zunächst Sandmännchens abendliche Ankunft. Irgendwo in der Höhe muß es wohnen, denn es kommt täglich von oben.

„Kommt ein Männchen angeflogen,

schwebt dabei ganz sacht,