Für diesen Herbst zeichnet sich eine der krisenreichsten Belastungsproben des westlichen Bündnisses ab. Wie viele amerikanische Truppen werden Mitte nächsten Jahres aus Europa abgezogen?

Die Würfel fallen in den nächsten Wochen bei der Etatplanung in Washington. Präsident Nixon steckt in einer finanziellen Zwangsjacke und sieht sich mächtigem innenpolitischem Druck ausgesetzt. Überdies: Will Verteidigungsminister Laird tatsächlich drei Divisionen einsparen, wird ihm dabei die Konkursmasse in Vietnam nicht hinreichend helfen können.

Die Europäer vermögen bei der Reduzierung nicht mehr auf das Ob, sondern allenfalls noch auf ihr Ausmaß einzuwirken; und sie müssen versuchen, die Modalitäten so zu beeinflussen, daß weder Abschreckungswert noch Entspannungsbemühungen gefährdet werden. Doch da genügt nicht mehr der außenpolitische Imperativ Ohne Aufrechterhaltung des Kräftegleichgewichts kein Frieden in Europa. Wenn sie nicht bereit wären, den Amerikanern einen Teil der finanziellen Lasten abzunehmen, die aus der US-Truppenstationierung erwachsen, würden sich die Europäer selbst jeglicher Verhandlungsmöglichkeit mit Washington berauben. Helm-.t Schmidt hatte deswegen schon im Vorsommer die Flucht nach vorn angetreten und – in beiderlei Wortsinn – zum Sammeln geblasen. Wenigstens hat er erreicht, daß die Euro-Group, die europäischen Verteidigungsminister ohne Frankreich, in dieser Woche in Brüssel das Prinzip des bündnis-internen Lastenausgleichs erörtert. Das Ziel: den Amerikanern durch ein Angebot guten Willen zu bekunden.

Die Bündnissolidarität steht auf dem Spiel. Die Bundesrepublik, obwohl von amerikanischen Truppenverminderungen am stärksten betroffen, kann nicht mehr weiterhin als einziger Verbündeter durch finanzielle Opfer die US-Präsenz für den Kontintent sichern helfen. Der bevorstehende Kampf um künftige Lasten ist in Wahrheit eine außenpolitische Zukunftsentscheidung für Europa und den Zusammenhalt mit Amerika. In ihrer Bedeutung steht sie den bevorstehenden Auseinandersetzungen um Berlin in nichts nach. In beiden Fällen geht es um die Fundamente von Sicherheit und Entspannung. Be.