Der Bochumer Jurist, Professor Ingo von Münch, ist ein widerborstiger Gesell. Seinen Kollegen, die sich auf dem 48. Juristentag in Mainz versammelten, schrieb er keine freundlichen Worte ins Stammbuch. Er mokierte sich vielmehr bereits vorher in der Juristenzeitung über ihr Treffen und über das sich alle zwei Jahre wiederholende Ritual: „Festvortrag, Gutachter, Referenten, Diskussion, Beschlußfassung, Schlußvortrag, Schlußworte. – ... Autobusse zur Besichtigung der Sektkellerei schon gemietet.“

Ingo von Münch hatte so unrecht nicht. Der Ablauf dieser Mammutversammlung von nahezu 2000 Juristen aller Sparten – Beamte, Richter, Rechtsanwälte, Referendare und Professoren – glich streckenweise einem großen Betriebsausflug („Karten für die Oper heute abend sind noch zu haben“). Doch würde man der Versammlung nicht gerecht, degradierte man das Treffen zu einer belanglosen Zusammenkunft.

Gewiß, der Deutsche Juristentag genoß schon immer ein hohes Ansehen. Die Arbeitsergebnis dieser erlauchten Versammlung wurden beachtet und registriert. Doch galt er gemeinhin eher als ein bewahrendes Element; große rechtspolitische Impulse, geschweige denn reformerische Vorschläge erwartete die Öffentlichkeit von ihm nicht. Auf dem Juristentag vor zwei Jahren in Nürnberg allerdings änderte sich das Bild. Reform hieß die Parole. Und die Juristen erschraken über ihre eigene Reformeuphorie. Der Wind von damals war auch in Mainz wieder zu spüren. Die nun schon fast legendären Eskapaden Fritz Teufels, der die Strafprozeßordnung ad absurdum führte, und die wiederholten Auftritte des rührigen, nimmermüden Frankfurter Landgerichtspräsidenten Wassermann, der sich der Reform verschrieben hat, haben die juristischen Geister nicht unberührt gelassen. Auch der kleinste Amtsrichter weiß heute, daß das Bürgerliche Gesetzbuch überholt werden muß, die Strafrechtsparagraphen neu zu formulieren sind. So nimmt es denn nicht wunder, daß auch die Ergebnisse des Mainzer Juristentages in ihrer Mehrheit reformerische Züge tragen.

Als Beispiel soll die Abteilung „Juristenausbildung“ dienen. Sie verzeichnete die meisten Teilnehmer, und in ihr hatte sich eine große Zahl von Referendaren eingeschrieben. Zu Beginn der Tagung allerdings waren sie niedergeschlagen und fürchteten das Schlimmste: einen Sieg der Alten. Das Gutachten Professor Oehlers hatte ihnen einen Vorgeschmack gegeben, ein Referat des ehemaligen Bundesrichters Mühl den Rest. Beide waren dem Herkömmlichen verhaftet; besonders Mühl erregte ihren Zorn, als er aus seiner Abneigung gegen die Sozialwissenschaft, die nach dem Willen der Reformer auch zum Handwerkszeug eines Juristen gehören soll, keinen Hehl machte.

Die jungen Juristen muckten auf. Sie nahmen die Gelegenheit wahr, den nach ihrer Meinung zu einseitig orientierten Vorsitzenden, Professor Sarstedt als Verhandlungsleiter abzulehnen; als sie eine Abstimmungsniederlage einstecken mußten, marschierten sie kurz entschlossen aus dem Saal. Da sie aber weder besonders „langmähnig“ waren, wie einige Pressebeobachter festgestellt haben wollten, noch besonders auf Revolution bedacht, zogen sie nach einer Pause wieder ein und diskutierten weiter.

Der deutsche Jurist sei in seiner politischen Grundhaltung konservativ, hieß es da, und stehe der Wirklichkeit seiner sozialen Umwelt fremd und hilflos gegenüber – kurz, er sei ein Erbe des Obrigkeitsstaates, alle politischen Umwälzungen dieses Jahrhunderts hätten ihn unbeeindruckt gelassen – es sei dies eine Folge seiner Herkunft, seiner Schulbildung und seiner Berufsvorbereitung. Gerade das juristische Studium produziere den unpolitischen, autoritätshörigen und konservativen Juristen. Ändere die Ausbildung, hieß es, und du bekommst einen zeitgerechteren Juristen.

Die Referendare waren dann schließlich überrascht, daß ihrem Drängen nach einer Reform der Ausbildung die große Mehrheit, also auch viele ältere Juristen, zustimmte. Punkt eins ihrer Beschlüsse, der mit 192 Stimmen gegen 32 verabschiedet wurde, heißt: „Nach jahrzehntelangen Bemühungen um eine Reform in kleinen Schritten, die nicht zu den gewünschten Ergebnissen geführt haben, ist die Zeit reif, die Juristenausbildung von Grund auf neu zu gestalten. Deshalb müssen Experimente ermutigt und Ausbildungsmodelle entwickelt und erprobt werden, die sich nicht in einem Umbau des Herkömmlichen erschöpfen, sondern einen Neubau versuchen.“