Unter mancherlei Verballhornungen der Abkürzung „SJ“ (Societas Jesu) ist „System Jenachdem“ nicht die dümmste, gestattet sie doch, die Jesuiten als beweglich und anpassungsfähig zu qualifizieren und zugleich als opportunistisch. Wie es um ihre Anpassungsfähigkeit an die moderne Zeit steht, wird sich auf einer Versammlung von Delegierten aus den 84 Ordensprovinzen zeigen, die am Sonntag in Ron begonnen hat, auf der „Prokuratorenkongregation“. Sie kann ein Modell dafür sein, wie man eine „monarchische“ Führung „demokratisch“ zu kontrollieren und zu stützen vermag.

In allen katholischen Orden ist die Generalkongregation die oberste gesetzgebende Versammlung. Doch während in den anderen Orden die Exekutive, der Generalobere und seine Assistenten, auf Zeit gewählt werden, wählen die Jesuiten ihren General auf Lebenszeit; und eine SJ-Generalkongregation tritt normalerweise nur nach dem Tode eines Generals zusammen. Alle drei Jahre aber versammelt sich die Prokuratorenkongregation, deren Mitglieder von den einzelnen Ordensprovinzen gewählt werden. Ihr wichtigster Tagesordnungspunkt ist jeweils die Frage, ob die Generalkongregation einzuberufen sei; denn nur sie wäre befugt, die Satzungen zu ändern, den General wegen seiner Amtsführung zur Rechenschaft zu ziehen oder gegebenenfalls abzusetzen.

Neben dem monarchischen Strukturprinzip im Jesuitenorden, das dem General die Entscheidungsbefugnis in den alltäglichen Geschäften zubilligt, gibt es also auch ein demokratisches Prinzip; denn allein die Generalkongregation ist zuständig, in allen wichtigen und wesentlichen Fragen zu entscheiden. Daß man dieses demokratische Prinzip im Jesuitenorden heute stärker betont, daß seine Möglichkeiten mehr ausgeschöpft werden als früher, liegt im Zug der Zeit. Dabei stellen sich. allerdings auch manche Mängel heraus. Vor allem fehlt es an der nötigen Repräsentanz der tatsächlich vorhandenen Strömungen in dem mit 33 000 Mitgliedern an Zahl stärksten Männerorden (vor den Franziskanern und Salesianern); zum Beispiel benachteiligt das bisherige Wahlrecht die jüngeren Mitglieder im Orden, von denen doch gerade neue Impulse erwartet werden.

Schon bevor sich am Sonntag die Delegierten im römischen „Collegio Bellarmino“ trafen, war bekanntgeworden, daß bisher die Gründe gegen die Einberufung einer Generalkongregation zum jetzigen Zeitpunkt überwiegen; man meint: Es sei zunächst besser, sich noch einen genaueren Überblick über die derzeitige Entwicklung in Kirche und Gesellschaft zu verschaffen und dann erst zu entscheiden. Außerdem haben sich inzwischen in den einzelnen Häusern und Provinzen des Ordens manche Formen der Meinungs- und Willensbildung – zum Teil auch gegen den Buchstaben der Satzungen – entwickelt, die manches, was die Einberufung eines so großen Apparates wie einer Generalkongregation nicht rechtfertigen würde, in der Praxis schon regeln.

Es derkt auch niemand daran, den „Schwarzen Papst“, wie der Jesuitengeneral zuweilen genannt wird, abzusetzen. Der gebürtige Spanier Pedro Arrupe war vor 25 Jahren weltbekannt geworden, als er in sein bei Hiroshima gelegenes Noviziatshaus Opfer der ersten Atombombe aufnahm und pflegte. Sein unkonventioneller Führungsstil, seine zahlreichen Informationsreisen, vor allem aber sein persönlicher Charme und Optimismus haben ihm innerhalb und außerhalb des Ordens große Achtung verschafft.

Auf der Konferenz in Rom dürfte also der zweite Punkt der Tagesordnung ein größeres Gewicht erhalten: der „Bericht zur Lage des Ordens“. Da wird von gelungenen und mißlungenen Experimenten die Rede sein, so zum Beispiel von den sogenannten „Jesuitenkommunen“, die zwar das Gemeinschaftsleben intensivieren wollen, aber auch in der Gefahr sind, sich als Gruppe aus. dem Gesamtverband des Ordens herauszuleben.

Da wird nach den Gründen für die steigenden Austrittszahlen gefragt. Bis 1966 konnte das jährliche Gesamtverzeichnis immer noch mit „Augmentum“ (Zuwachs) abschließen. Ganz optimistisch wurde die Bezeichnung „Augmentum“ auch bis zum letzten Jahr beibehalten, obwohl dahinter jeweils eine Minuszähl stand. Erst in diesem Jahr findet sich an seiner Stelle der neutrale Ausdruck „Differentia“, ebenfalls mit einer Minuszahl dahinter. Positive Bilanzen gab es nur in den Provinzen Neapel, Jugoslawien, ČSSR, Zentralafrika, Ekuador und in sieben indischen Provinzen.