Von Wilfried D. Krätzig und Manfred Zuleeg

Das studentische Zentrum der University of California in Berkeley bietet dem Betrachter ein verwirrend buntes Bild. Auf der Plaza zwischen der Hochschulverwaltung und dem Studentenhaus – zwei gleichrangigen architektonischen Schwerpunkten – werben Hochschulgruppen mit Transparenten, Flugblättern, Musik um Interessenten oder Mitglieder. Studenten, oft mit abenteuerlichen Barten und Haartrachten, Studentinnen, die mit bloßer Haut Protest ausdrücken, genießen gemeinsam mit ihren Professoren die kalifornische Sonne, sei es im Gespräch, in politischen Diskussionen oder lediglich als Zuschauer. Jede denkbare politische und moralische Überzeugung ist hier zu hören, auch manche undenkbare.

27 000 Studenten sind gegenwärtig in Berkeley immatrikuliert, auf einem Campus von wenigen Quadratkilometern. Diese Zahl ruft Bilder, deutscher Universitäten wach: überfüllte Hörsäle und Seminare als Normalfall, der einzelne Student als amorpher Bestandteil seines Kollektivs, als bloße Kulisse der / Vorlesung, dem Lehrenden unbekannt bis zum Tage der Abschlußprüfung.

überraschend und verwirrend wirkt dagegen der erste Einblick in hiesige Lehrveranstaltungen. Eine Vorlesung hat – von Ausnahmen abgesehen – selten mehr als zwanzig bis dreißig Studenten, im späteren Ausbildungsgang den Upper graduates – oft weniger als fünfzehn. Einstündige Monologe, wie von deutschen Kathedern, sind weitgehend unbekannt und unerwünscht, man pflegt Diskussionen als Lehrmethodik in allen Fachgebieten. Dabei kennt der Professor viele seiner Studenten, vor allem: er kennt ihr individuelles Leistungsniveau.

Im Dezember 1968 charakterisierte der Wissenschaftsrat die Lage der deutschen Universitäten in folgenden Worten: „Die im 19. Jahrhundert entstandenen und seitdem in ihren Grundzügen beibehaltenen Organisationsformen sind den neuen Bedingungen nicht mehr gewachsen.“ Diese Feststellung löste endlich auch offiziell die „Im-Kern-gesund-These“ deutscher Hochschulpolitik ab.

Ist es nicht in höchstem Maße erstaunlich, daß die meisten amerikanischen Hochschulen mit ihrer ebenfalls im 19. Jahrhundert entwickelten Organisationsform den heutigen Anforderungen gewachsen sind? Selbst für die Universität von Berkeley, dieses Mekka aller Revolutionäre und Radikalen, gilt das. Die hiesigen Hochschulen haben im vergangenen Jahrhundert Formen entwickelt, die von den mitteleuropäischen grundsätzlich verschieden sind und deretwegen ihnen die Anerkennung der europäischen kulturellen Tradition lange verwehrt blieb. Heute erweisen sie sich in vieler Hinsicht den europäischen, besonders den deutschen Universitäten als überlegen.

Gerade in Berkeley hat es schon oft Zusammenstöße zwischen Studenten und der Ordnungsmacht gegeben. Wie kann man da von einer gut funktionierenden Universität sprechen? Zielen die studentischen Protestaktionen gegen Geschehnisse außerhalb des Campus, etwa gegen den Vietnamkrieg oder gegen repressive Tendenzen innerhalb der Gesellschaft, so ist die Universität selbst nicht berührt. Bei den großen Studentenstreiks im Winter 1964/65 (Free Speech Movement), der Eldridge-Cleaver-Affäre oder den mehrtägigen Straßenschlachten um den People’s Park, die Berkeley im Mai 1969 die Besetzung durch die Nationalgarde einbrachten – um nur einige Beispiele zu erwähnen – bildeten dagegen unterschiedliche Standpunkte der Studenten und der„Regents“ den Anlaß. Typischerweise waren nie die Professoren als Gesamtheit Zielscheibe studentischer Proteste und Aktionen.