H. M., Washington im September

Obwohl die ost-westliche Botschaftergruppe der vier Berlinmächte seit dem Frühjahr schon sechsmal getagt hat, betrachtet Washington die Zusammenkunft am letzten Septembertag als eigentlichen Beginn der Verhandlungsrunde. Nach dem Abschluß des Moskauvertrags der Bundesrepublik soll sich nun zeigen, wie die Sowjetregierung auf den Katalog von Maßnahmen und Vereinbarungen zur Verbesserung der Berliner Lage reagiert, den sie in früheren Sitzungen erhalten hat.

Die europäische Lage hat sich geändert, seitdem die vier Mächte 1961 zum letztenmal über Berlin verhandelten. Damals drohten die Sowjets, die Amerikaner sandten Truppen, und ein verängstigtes Bonn fühlte sich als fünftes Rad am Wagen. Die Quellen, die Berlins Leben speisen, und die politischen Trümpfe liegen jetzt in Bonn, nicht in Washington, das die Planung und Führung der Gestaltung Europas den Europäern zurückgegeben hat.

Die exponierte Lage Berlins aber blieb dieselbe. Die Garantie seiner Existenz unter alliierter Schutzhoheit und seiner Sicherheit bleibt amerikanische Bürde und Verantwortung. Die verhandelnden Amerikaner müssen fordern und heimbringen, was die Bundesrepublik an Verbesserungen für die Berliner und an Festigung der Zusammengehörigkeit benötigt, aber sie müssen vor allem ihrer eigenen Verantwortung und ihrem Interesse an der Sicherung der ungestörten Zugangswege genügen.

Wenn es den Anschein hat, daß Washington weniger die Andeutungen sowjetischen Entgegenkommens betont, als die Ungewißheit sowjetischer Absichten, so liegt die Erklärung in der Tatsache, daß in den Fragen dieser unmittelbaren amerikanischen Verantwortung die Ungewißheit überwiegt. Man hat hier den Eindruck, daß die Sowjets gegenüber dem Verlangen nach garantierter Verkehrsabwicklung gern mit allgemeinen Formeln davonkommen würden. Das könnte ihre Schwierigkeiten mit dem unbequemen ostdeutschen Schützling verringern, würde zugleich jedoch den Wert ihrer Zusagen mindern. Gerade in Erwartung einer Aufwertung der DDR-Souveränität wünscht Washington indes Vereinbarungen, die zwar nicht technische Einzelheiten, wohl aber die Substanz der künftigen Regelung zweifelsfrei bestimmen sollten. Auch können die Eulogien nach Präsident Nassers Tod nicht das Unbehagen beseitigen, das die Waffenstillstandsverletzungen hinterlassen haben, die sich die Sowjets mit dem Raketenbau an der Suez-Front zugunsten ihres ägyptischen Schützlings gestatteten. Auf unmißverständlich verpflichtende Dokumente wird in Washington um so größerer Wert gelegt.

Niemand rechnet mit einem schnellen Erfolg. Die Bonner Vorbesprechung für die neue Verhandlungsrunde gab den amerikanischen Teilnehmern ein gutes Gefühl. Zwischen dem amerikanischen Bestehen auf substantielle Ergebnisse und dem Bonner Wunsch nach möglichst schneller Vollendung des ostpolitischen Vertragswerks und seiner Ratifizierung sollte kein Konflikt entstehen. Die gemeinsame deutsche Haltung zu den Berlin-Verhandlungen wird in Washington als ein Element betrachtet, das die Solidität der westlichen Positionen stärkt.