Von Marcel Reich-Ranicki

Wo im literarischen Leben nach wie vor die simple Faustregel gilt: Wer provoziert, der profitiert, wo brüskierende Manifestationen kaum mehr sind als harmlose Allüren, die längst zum professionellen Habitus gehören – da fällt ein Mann wie Uwe Johnson ganz und gar aus dem Rahmen. Der Satz, mit dem seine „Mutmaßungen“ beginnen – „Aber Jakob ist immer quer über die Gleise gegangen“ –, gilt ja auch für ihn selber und wird von jedem seiner Bücher aufs neue bestätigt.

Denn ob man ihn für eigenwillig und konsequent oder eher für engstirnig und dickköpfig hält – sicher ist, daß er mit großer Entschiedenheit seinen eigenen Weg sucht. Daß dieser eine Sackgasse oder ein Irrweg sein kann, versteht sich von selbst – das gehört zum Risiko des Gewerbes.

Johnsons Epik ergibt sich stets – grob gesagt – aus einer generellen Gegenposition. Auf sein Verhältnis zur Umwelt und auf seine Schreibweise üben Trotz und Widerspruch keinen geringen Einfluß aus. Indes ist es ein solider und bedächtiger Trotz, ein Widerspruch ohne Pose und ohne Schaumschlägerei.

Ähnlich wie einst die „Mutmaßungen über Jakob“ ist sein neues Buch –

Uwe Johnson: „Jahrestage – Aus dem Leben von Gesine Cresspahl“; Suhrkamp Verlag, Frankfurt; 479 S., 24,– DM

wiederum eine Provokation und eine Zumutung, diesmal freilich in einem anderen Sinne. Während die noch in der DDR entstandenen „Mutmaßungen“ als direkte und indirekte Reaktion auf die Postulate des sozialistischen Realismus zu verstehen waren, scheint sich Johnson mit den „Jahrestagen“ von allem distanzieren zu wollen, was heutzutage in der Literatur des Westens, der deutschen zumal, als zeitgemäß gilt, was diskutiert und geschätzt wird: So hochmodern die „Mutmaßungen“ 1959 waren, so traditionell und streckenweise altmodisch scheint das neue Buch zu sein. Es ist, wie man es auch beurteilen mag, gegen diese Zeit geschrieben.