Auf dem Festival der Ornithologen, dem alle vier Jahre stattfindenden internationalen Kongreß, berichtete jüngst in Den Haag der amerikanische Zoologe Dr. Stephen T. Emlen, er habe Indigo-Finken mit einem – was den Sternenhimmel betrifft – ganz falschen Weltbild aufwachsen lassen.

Der Forscher zog eine Gruppe dieser Vögel in einem kleinen Planetarium der Cornell-Universität auf, zeigte ihnen den sommerlichen Sternenhimmel, der jedoch nicht, wie es der Natur entspräche, um die Weltachse rotierte, die durch den Polarstern geht. Rotationsmittelpunkt war vielmehr ein Stern im Sternbild Orion.

Im Herbst, und zwar zur Nachtzeit, ziehen die nordamerikanischen Indigo-Finken nach dem Süden und überwintern auf Kuba und in Zentralamerika. In den Planetariumkäfigen des Dr. Emlen konnten die Vögel ihren Zugtrieb auf der Stelle abreagieren. In der Käfigmitte saßen die Finken auf einem kreisrunden Stempelkissen, auf dem sie sich die Füße mit Farbe befeuchteten. Umgeben war das Kissen von einem sich konisch erweiternden Papierkragen.

Sowie die Vögel nun in ihrer nächtlichen Zugunruhe aufflogen und den Käfig zum herbstlichen Zug zu verlassen trachteten, landeten sie mit den Füßen auf dem Papier. So starteten sie stundenlang immer wieder aufs neue und stempelten per pedes jene Richtung ab, die sie für die Südrichtung hielten. Das Ergebnis war recht überraschend. Die Indigo-Finken suchten Kuba in der dem falschen Polarstern im Orion entgegengesetzten Richtung.

Eine zweite Gruppe gleichfalls von Hand aufgezogener Vögel der gleichen Art hatte bis zum Test in der Septembernacht nie einen Sternenhimmel zu sehen bekommen. Sie bekleckerten den Papierkragen ringsum und zeigten damit an, daß sie sich über die einzuschlagende nächtliche Wanderrichtung nicht im klaren waren. Die dritte Gruppe schließlich hatte den ganzen Sommer über einen Planetariumshimmel vorgeführt bekommen, der sich um den Polarstern drehte und auch sonst dem natürlichen exakt entsprach. Sie stempelte ihre Papierkragen beim Septembertest genau in der Südrichtung ab, war also orientiert.

Bereits vor vier Jahren, auf dem Ornithologenkongreß in Oxford, hatte Dr. Emlen von Versuchen berichtet, aus denen hervorging, daß für die nächtliche Orientierung der Indigo-Finken die Gegend von 35 Grad um den Polarstern herum wichtig ist, daß sie also den Drehpunkt des Nordsternhimmels beachten. Mit seiner Mitteilung, daß ihm der Nachweis einer Sternenorientierung bei Planetariums-Experimenten mit dieser Vogelart gelungen ist, belebte Dr. Emlen damals wieder die Forschungen über diese so überaus merkwürdige Fähigkeit von Zugvögeln.

Im Frühjahr 1956 und unter dem künstlichen Sternenhimmel des Olbers-Planetariums der Bremer Seefahrtschule hatte das deutsche Zoologen-Ehepaar Professor Franz Sauer und Dr. Eleonore Sauer diese Leistung bei Grasmücken erstmals nachgewiesen. Auch Radarbeobachtungen von nächtlich ziehenden freifliegenden Enten schienen zu beweisen, daß die Vögel bei Sternensicht orientiert, bei bedecktem Himmel jedoch unorientiert sind. Dennoch blieben viele Wissenschaftler mit diesem oder jenem Einwand gegen die Versuche skeptisch. Und es gibt noch heute Ornithologen, die an Sternenorientierung nicht „glauben“ mögen.