Unter der Überschrift "Wer überhaupt kann eigentlich noch Medizin studieren?" beklagt Professor Dr. Alkmar von Kügelgen im "Deutschen Ärzteblatt" (22. 8. 70) einen Erlaß des schleswig-holsteinischen Kultusministers, der die Festung Kiel Anfang Juni gewaltlos den Horden nicht-standesgemäßer Medizinstudenten auslieferte: Während alle anderen Universitäten die Zulassung künftiger Ärzte von Abitursnoten und Wartezeit abhängig machten, war Kiel bislang noch stets "eine Hoffnung für manchen ‚schlechten‘ aber hervorragend zur Medizin befähigten Abiturienten". Dort nämlich "konnte der Zulassungsausschuß bis einschließlich zum Sommersemester 1970 den Numerus clausus so handhaben, daß vorwiegend solche Bewerber als Mediziner immatrikuliert wurden, die, unabhängig von ihren Abitursnoten, nach ihrer persönlichen Motivation, Begabung und Leistungsfähigkeit gut zum Medizinstudium und zum ärztlichen Beruf geeignet erschienen".

Mit solcher Auslese ist es nun vorbei. "Nur-Intelligenz"-Typen, so der im Kulturkampf unterlegene Anatom, werden ihre unärztlichen Blicke jetzt auch auf Kieler Leichen werfen, intelligent, aber eben ohne "ärztliche Motivationen" ihr Studium bewältigen, "Spezialisten und ‚Wissenschaftler‘", nicht aber "praktische Ärzte, und noch weniger Landärzte werden wollen" und so die "Zusammensetzung des künftigen Ärztestandes" gefährden. Denn, nicht wahr, jene heute noch "vermutlich medizinerspezifischen Persönlichkeitsmerkmale (wie Spontaneität, Interesse für Lebendiges, Verantwortungsfreude, ‚Mut zur Ungewißheit‘, ‚Sinn für ein Ganzes‘, musische, insbesondere musikalische Betätigungen ...)", diese Persönlichkeitsmerkmale haben mit Intelligenz wenig zu tun. Ebensowenig freilich wie diese mit den Abiturnoten, weshalb Professor Kügelgens Besorgnis um die künftige Qualität des Ärztestandes ja auch zunächst recht unvermittelt erscheint. Abiturnoten haben jedoch die Eigenschaft, an einem objektiven Maßstab gemessen werden zu können – jenen medizinerspezifischen "Sinn für ein Ganzes" hingegen bei einem Studienbewerber nachzuweisen, dürfte schwer fallen.

Genau darum aber geht es dem Professor, wenn er den "Sachverstand der ärztlichen Standesorganisationen und der Medizinischen Fakultäten" in das Zulassungsverfahren einbringen will, das jetzt überall den Richtlinien der Kultusminister unterliegt. Nun mag man mit ihm der Ansicht sein, Kultusminister seien nicht kompetent in Fragen des Gesundheitswesens; daß aber "nur Ärzte künftige Ärzte auswählen können" – oder etwa Philosophen stets wüßten, wer die besten Philosophen der Zukunft, Juristen, wer die fähigste neue Richtergeneration, Architekten, wer die klügsten Städteplaner von morgen abgibt – dies mag mit Fug bezweifelt werden. Und zwar nicht nur, weil ein gesammelter "Sachverstand" von Anatomen und Gynäkologen, Chirurgen und Internisten, Psychiatern und Pathologen, Sozial- und Raumfahrtmedizinern kaum vorstellbar ist, der da über eine Befähigung zum, in erster Linie, praktischen Arzt entscheiden soll; Zweifel sind vor allem angebracht, weil der "Sachverstand" der ärztlichen Standesorganisationen über die Interessen des Standes, eben leider kaum hinausreicht. So ist Professor von Kügelgen nur eine weitere Stimme im Ärzteblattchor, der immer wieder einmal fordert, Kinder von Landärzten bevorzugt zum Studium zuzulassen, da sie (weil sie doch Arztkinder sind) bestimmt fähigere Mediziner würden als jedes Schlosser- oder Kaufmannskind, das die "ärztliche Motivation" nicht mit der Muttermilch eingesogen hat; auch würden die Landpraxen dann nicht verwaisen, heißt es, obwohl man selbstverständlich kein Landarztkind bei Studienbeginn zur späteren Übernahme der Praxis verpflichten darf.

Mit der Geige unterm Arm, dem "Mut zur Ungewißheit" im Herzen und der väterlichen Praxis im Sinn, so sollte der geeignete Abiturient vor den sachverständigen Zulassungsausschuß treten, dessen medizinerspezifischer "Sinn für ein Ganzes" wiederum dafür bürgt, daß unsere Gesellschaft auch in Zukunft nur die Ärzte erhält, die sie verdient hat: Standesvertreter.

Elena Schöfer