Von Joachim Nawrocki

Berlin, im September

Am Mittwoch dieser Woche nahm der sowjetische Botschafter in der DDR zum siebenten Male Platz an dem viereckigen, etwas abgenutzten Tisch im Konferenzsaal des Berliner Kontrollratsgebäudes: Pjotr Andrejewitsch Abrassimow, 58 Jahre alt, verbindlich, gut aussehend, mittelgroß, breite Stirn unter welligem grauem Haar, spitzes Kinn – ein Diplomat von beachtlichem Geschick.

Die Hoffnung, nach der Sommerpause werde Abrassimow den drei westlichen Botschaftern einen Verhandlungsvorschlag vorlegen, sind längst geschwunden. Das Tauziehen der vier Mächte um Berlin wird noch lange dauern. Die Westalliierten haben sich auf lange Fristen eingestellt, die Sowjetunion richtet noch einmal die alten Fronten auf, und auch im Berliner Senat glaubt niemand mehr, daß die Viermächtegespräche bis zum Jahresende greifbare Ergebnisse bringen werden.

Noch hat Abrassimow die Absichten der Sowjetunion nicht zu erkennen gegeben. Nach den ernüchternden Äußerungen seiner Genossen und Kollegen war das auch nicht zu erwarten. Wie eine kalte Dusche gingen in den letzten Tagen die Erklärungen auf Bundesregierung, Senat und Westmächte nieder: Der sowjetische Botschafter in Bonn, Zarapkin, sagte, die Regelung des Berlinverkehrs sei Angelegenheit der Ost-Berliner Regierung; sein Botschaftssekretär Popow meinte, die entscheidende Voraussetzung für eine Berlin-Regelung sei die Anerkennung der DDR durch die Bundesrepublik und die Westmächte, und das Mitglied des Obersten Sowjets, der Prawda-Leitartikler Schukow, stellte in einem Fernsehinterview die von der Bundesregierung gewünschte Reihenfolge der nächsten Schritte einfach auf den Knopf. Wenn der Bonn-Moskauer Vertrag ratifiziert werde, sagte Schukow, dann sei auch eine befriedigende Berlin-Regelung möglich.

Es ist sicher nicht Abrassimow, der dieses Spiel inszeniert hat, aber er gehört zu den Mitspielern, und er spielt keine Nebenrolle. Seine Parteikarriere, seine diplomatische Laufbahn, seine Kenntnisse des Deutschland- und Berlin-Problems und vor allem sein Sitz im Zentralkomitee der KPdSU lassen erwarten, daß er nicht nur am Tisch der vier Mächte, sondern auch im Kreml mitredet, wenn es um Deutschland geht. Abrassimows schauspielerische Fähigkeiten sind bemerkenswert Mühelos paßt er Stimme und Gestik dem Inhalt seiner Worte an. Er beherrscht die Taktik des Wechselbades. Er kann laut und leise sein, lebhaft und zurückhaltend, höflich und weniger höflich. Beschwert er sich, sieht er richtig ärgerlich aus, will er überzeugen, wird er eindringlich und beredt.

Als Abrassimow sich zur Vollversammlung der Vereinten Nationen ansagte, tauchten Gerüchte auf, er werde demnächst seinen Berliner Posten aufgeben und als UN-Botschafter nach New York übersiedeln. Wahrscheinlich ist das nicht. Wenn Abrassimow nach New York fliegt – es wäre seine erste Reise in ein westliches Land –, dann wohl vor allem deshalb, weil die Sowjetunion in den Vereinten Nationen auch über Deutschland und Berlin sprechen will, nicht zuletzt auch über die Aufnahme der DDR in die Weltorganisation. Weder westliche noch östliche Diplomaten nehmen an, daß die Sowjetunion in einer wichtigen Phase der Viermächtegespräche ihren Botschafter auswechselt.