Anderthalb Monate nach dem Abschluß des Bonn-Moskauer Gewaltverzichtsvertrages fand Wirtschaftsminister Schiller bei seiner Reise nach Moskau das richtige Klima vor, um in aufgeschlossener Atmosphäre über die Möglichkeiten des westdeutsch-sowjetischen Warenaustausches und über die schwierige Frage der Erneuerung des Handelsabkommens sprechen zu können. Das war nicht richtiges "timing" – wie es Schiller ausdrücken würde –, sondern eher Zufall. Die Einladung, zur Ausstellung "Chemie 70" nach Moskau zu kommen, hatte Schiller schon im-Februar erreicht.

Der Handel mit der Sowjetunion ist nicht groß. Mit rund 2,9 Milliarden Mark im letzten. Jahr machte er nur 1,3 Prozent des gesamten! Außenhandels der Bundesrepublik aus. Und die meisten westdeutschen Kaufleute, die in Moskau waren, konnten sich über ein riesiges Interesse der sowjetischen Handelsfunktionäre und über eine Welle freundlicher Worte freuen.

Um so größer sind die Hoffnungen der Sowjets. Viele westdeutsche Kaufleute hatten sogar den Eindruck, daß in Moskau an den Gewaltverzichtsvertrag nicht nur Hoffnungen, sondern auch Ansprüche geknüpft werden, die sich schwer erfüllen lassen. In der Präambel des Gewaltverzichtsvertrages wird ausdrücklich für die Erweiterung der wirtschaftlichen Beziehungen und der wissenschaftlichen, technischen und kulturellen Verbindungen plädiert. Nun wollen die Sowjets die Bundesregierung beim Wort nehmen: Sie erwarten die Abschaffung der deutschen Einfuhrkontingente und rechnen auf Kredite und Zinsverbilligungen.

Schiller m-ußte in Moskau manche Erwartung auf ihr reales Maß zurückschrauben. Er mußte darauf hinweisen, daß es in der Bundesrepublik keine staatlichen Kredite gibt und daß Zinsen nicht, manipuliert werden können. Im Gespräch mit Außenhandelsminister Patolitschew hat Schiller betont, daß die Bundesregierung lediglich Bürgschaften für Kreditgeschäfte übernehmen könnte, und zwar auch nur nach den gleichen Kriterien, die für Geschäfte mit Handelspartnern aus aller Welt gelten.

Nikita Chruschtschow sprach einmal von dem Ozean der Waren, den die Sowjetunion aufnehmen könne. Sicher ist der Warenhunger der – UdSSR seitdem nicht kleiner, sondern eher größer geworden. Die Sowjetunion konnte das Wachstumstempo früherer Jahre nicht durchhalten. Ihre Wirtschaft ist in Atemnot gekommen, und sie ist auch technisch keineswegs auf der Höhe der Zeit.

Offensichtlich versucht Moskau, aus dem Zirkel der eigenen, Unzulänglichkeiten und der ehrgeizigen wirtschaftlichen, außen- und militärpolitischen Engagements auszubrechen. Der nächste Fünf jahresplan von 1971 bis 1975 soll nicht nur die wirtschaftliche Entwicklung vorantreiben, sondern auch die Modernisierung von Industrie und Verkehrswesen in die Wege leiten und vor allem eine Wirtschaftsreform ermöglichen, die das System der Planwirtschaft effektiver macht.

Dazu braucht die Sowjetunion moderne Maschinen und Anlagen, und sie will mit der modernen Technik auch das dazugehörige technische Wissen einkaufen. Das aber bekommt sie fast nur im Westen; selbst die DDR, die über die leistungsfähigste Industrie des Ostblocks verfügt, kann da nicht allzuviel bieten. Wenn sich die Bezahlung all dessen noch einige Jahre hinausschieben ließe, wäre der Sowjetunion zusätzlich gedient. Denn dem Ozean des Bedarfs hat Moskau nur ein begrenztes Angebotsreservoir entgegenzusetzen.