ARD, Sonntag, 27. September: „Warum Ulla Axel liebt, Jörg aber Goebbels“, von Hans Werner Coenen und Hansjürgen Hilgert

Sie hatten eines gemeinsam, das Mädchen, das ihren Busen wie ein Souvenir aus dem Bauchladen darbot (sich aber nicht für sexy hielt), der smarte Held aus Berlin, ein modebewußter junger Mann raucht Zigarren, der Polizeireserve zugehörig und bekümmert um die Freiheit unserer Stadt; der Unteroffizier, der gern unter den Älteren weilte, und der Beatnik mit den vielen Mädchen und der Vorliebe für Goebbels-Reden und Operetten-Musik: Sie waren Disc-Jockeys (beziehungsweise Jocketten), Persönlichkeiten jugendlichen Alters allesamt, die in Studios und Diskotheken um konsumfördernde Stimmung besorgt zu sein haben. Bleibt die Tanzfläche leer, wird nichts getrunken, ist nichts los, kommt die Werbung nicht an, weil sich vor die verheißenen Wonnen künftiger Freuden, der von den Reklamemeistern so kunstreich hinweggezauberte Gedanke an den Kaufakt schiebt, das harte Entgelt für die verführerisch antizipierten Genüsse – dann taugt der Jockey nichts, dann ist der Busen der Jockette ohne Wert.

Das war ein Prachtstück der Entlarvung, dieser Bericht Warum Ulla Axel liebt, Jörg aber Goebbels, von Hans Werner Coenen und Hansjürgen Hilgert; man kommentierte sparsam: Nummernschilder, popig und böse; Schrifttafeln, die in Form von Resümees den Betrachter am Bildschirm über die wahrheitsverschleiernden Reden der interviewten Zeugen belehrten. Ganz vergeblich, wie der Hase im Swinegel-Wettkampf, plapperte da ein Manager gegen die Formel Geschäftsprinzip: Gewinnmaximierung an, suchte sich ein Go-Go-Mädchen angesichts der dem Bild unterlegten Feststellung: Durchschnittseinkommen eines Disc-Jockeys 1700 Mark mit ihrem Monatsentgelt, reicht gerade zum Leben, von vierhundert Mark abzufinden. Operettenklänge, Marschmusik und Goebbelssche Rede verfremdeten die Diskothek-Romantik in aufklärerisch-ironischer Weise, die Träume von der heilen Welt denunzierten den Eskapismus der Diskothektänzer; im Zeichen der Devise „Wünsche werden wahr“ rückten die Generationen zusammen, traten die Intentionen einer Bewußtseins-Industrie hervor, die fragt, was gefragt ist – einst Willy Schneider, heute Roy Black, für die Alten den Rhein, für die Twens den Missouri – um es dann als ungefragt auszugeben: als etwas Selbstverständliches, Undiskutierbares, Wunschgemäßes, nicht Manipuliertes.

Ein paar Belege mehr (es fehlte an einer differenzierten Darstellung der Abhängigkeitsverhältnisse), eine stärkere Nuancierung (die Verkaufstechnik Radio Luxemburgs ist von der Verkaufstechnik einer Großstadt-Diskothek so weit entfernt wie das Wort zum Sonntag von einer Billy-Graham-Agitation) ... und die Balance zwischen dem Gedanken-Konzept und der witzigen Präsentation wäre vollkommen gewesen.

Momos