Dieter Kühn: „N“; Suhrkamp Verlag, Frankfurt; 109 S., 10,– DM

Dieter Kühn setzt Napoleons Biographie den in ihr schlummernden Alternativ-Möglichkeiten aus, nicht der „Mann der Stunde“ zu werden: ein faszinierend erzähltes Konjunktiv-Gedankenspiel, das scharfsinnig die Rolle von Person und Zufall, historischer Notwendigkeit und Austauschbarkeit der großen Puppen der Weltgeschichte behandelt. Hellmuth Karasek

Louis Aragon: „Pariser Landleben“, aus dem Französischen von Rudolf Wittkopf; Verlag Rogner & Bernhard, München; 275 S., Abb., 22,– DM

Aragons berühmtes Buch über die Pariser Glasgalerien, Versuch einer Mythologie der Großstadt, gehörte für Walter Benjamin zu den entscheidenden Anregungen zu seinen „Pariser Passagen“, und zwar, weil nirgends so wie bei Baudelaire und Aragon die Beziehungen zwischen dem Erlebnis des Molochs Paris und der Geburt der modernen Ästhetik aufgedeckt wurden.

Marianne Kesting

Alfred Polgar: „Bei Lichte betrachtet“ – Texte aus vier Jahrzehnten, zusammengestellt von Bernt Richter; rororo 1326/27, Rowohlt Taschenbuch Verlag, Reinbek; 205 S., 3,80 DM

Diese Skizzen stammen von einem Kritiker, der ein poetischer Feuilletonist war, und von einem poetischen Feuilletonisten, der nicht aufhörte, ein Kritiker zu sein, von einem Schriftsteller, der im Komischen zugleich das Tragische sah und im Tragischen stets das Komische entdeckte; sie stammen von einem Meister, dessen Prosa stets erhellt, ohne je zu blenden.

Marcel Reich-Ranicki