Buñuel und das Christentum: ein weites Feld für Spekulationen. Christliche und atheistische Theologen haben es mit viel Fleiß und wenig Glück beackert.

Über seinen Tod hinaus will Buñuel seinen Auslegern ein Schnippchen schlagen: Wenn er im Sterben liege, hat er gesagt, werde er einen Priester kommen lassen und beichten – und niemand werde wissen, ob dies aus Gläubigkeit geschehen oder höchster Ausdruck der Blasphemie gewesen sei. Mit ihrer Streitfrage „Buñuel – Christ oder Atheist?“ liefern die Exegeten der Buñuelschen Ironie nur neues Material. Sie gleichen dem Jesuiten und dem Jansenisten in der „Milchstraße“, die sich wegen des Problems der Vorherbestimmung und des freien Willens duellieren. Was dabei herauskommt, ist nichts anderes als der Nachweis, daß Formen – kulturelle, religiöse, sprachliche –, wenn sie von ihrer Materialität gelöst werden, selbsttätig unendlich neue Bedeutungen, neue Probleme und Wahrheiten hecken. Für den spanischen Surrealisten Bunuel ist die christliche Überlieferung – im „Simon“ von 1965 die frühchristliche Heiligenlegende, in der „Milchstraße“ von 1969 das ganze Register von den Evangelien bis zum Devotionalienbild – ein unerschöpfliches Reservoir von Paradoxien. Was ihn am Christentum am meisten fasziniert, ist seine Fruchtbarkeit für Ketzereien. Die Ungereimtheiten der Religion selbst (die Dreifaltigkeit, der gefallene Engel, der Gottes- und Menschensohn) produzieren unentwegt Ketzereien, die kleinste Verschiebung der Perspektive läßt einen anerkannten Glaubenssatz sogleich als schlimmste Häresie erscheinen, die Argumentation des Bösen bedient sich heiliger Kategorien. In der „Milchstraße“ rät der Teufel den Clochards, vom Diesseits zu profitieren und fürs Jenseits auf die Milde Gottes zu vertrauen; im „Simon“ empfiehlt er dem Heiligen, sich den Freuden des Fleisches hinzugeben, damit der so befreite Geist sich desto sicherer Gott zuwende. „Auch ich glaube an Gott“, sagt Satan zum Heiligen Simon auf der Säule. „Darum rede ich zu ihnen durch Gleichnisse. Denn mit sehenden Augen sehen sie nicht, und mit hörenden Ohren hören sie nicht; denn sie verstehen es nicht.“

Bibel und Überlieferung besitzen eine Affinität zum Kino. Zu dessen ersten Errungenschaften gehörte die Visualisierung der Wunder Christi: die wunderbare Brotvermehrung als Substitutionstrick, Jesus wandernd auf dem See Genezareth in Doppelbelichtung. Für Buñuel ist das Kino eine Maschine zur Produktion von Wundern. Er nimmt das Christentum beim Bild: das Wort wird Fleisch und die Bibel Kino. „Die Milchstraße“ beginnt mit einer Weissagung und endet mit deren Erfüllung, zwischendurch sieht man Jesus im Laufschritt zur nächsten Wundertat eilen, zu der er von der Vorsehung oder der Überlieferung verurteilt ist. Buñuel adaptiert christliche Überlieferung fürs Kino, das heißt, er bringt der Schrift, auch der Heiligen, das Laufen bei. („Die Milchstraße“ lief am 6., „Simon aus der Wüste“ läuft am 19. Oktober im ARD-Programm.) Frieda Grafe