Neo-Isolationismus in den USA? Verschweizerung in Westeuropa?

Folgt auf die Vietnamisierung Vietnams die Europäisierung Europas?

Auch nach Nixons Mittelmeer-Reise bleiben diese Fragen aktuell.

Seit dem Ende des Zweiten Weltkrieges haben die Vereinigten Staaten das Fundament eines Sicherheitsgebäudes getragen, das nicht nur Westeuropa Schutz bot, sondern auch großen Teilen der übrigen nichtkommunistischen Welt. Die Amerikaner taten es gern, viele ausgesprochen mit Begeisterung; und sie taten es vor allem im Europa der ausgehenden vierziger Jahre nicht ohne Erfolg. Mittlerweile jedoch hat sich die Lage gewandelt.

Weder die objektiven Möglichkeiten noch die subjektiven Bedingtheiten amerikanischer Staatskunst scheinen die Fortführung der alten Politik zu begünstigen. Heute stecken die Amerikaner tief im ostasiatischen Treibsand. Sie werden im Innern von der schlimmsten Krise geschüttelt, die sie seit dem Bürgerkrieg vor hundert Jahren erlebt haben. Immer wieder hat sie das Ergebnis ihrer früheren Bemühungen, sich der Welt nützlich zu machen, und vor allem die Reaktion des Auslands auf diese Bemühungen enttäuscht. Sie wissen, daß die Intellektuellen der ganzen Welt sie mit Ablehnung und Haß und die Staatsmänner der Entwicklungsländer sie mit kaum verhüllter Verachtung betrachten. Sie sehen, wie nur noch ihre besten Freunde und ihre ärgsten Gegner ihnen Respekt zollen.

Kann es wundernehmen, daß sie nicht mehr imstande und wohl auch nicht mehr bereit sind, sich in der Weltpolitik weiterhin so stark zu engagieren wie in den ersten Nachkriegsjahrzehnten?

Das Umdenken war wohl unvermeidlich; und es hat manche Gründe, die Amerika ehren. Sie liegen im Charakter des Landes und vor allem in der Natur seines politischen Systems. Das hat vor 135 Jahren schon Tocqueville erkannt, als er darauf hinwies, daß die amerikanischen Institutionen für die Bedürfnisse einer Großmacht, für eine feste und weitsichtige Außenpolitik nicht ausreichten. Tocqueville hatte recht. Ich bin überzeugt, daß es einer großen Demokratie wie den Vereinigten Staaten gar nicht möglich ist, eine weitsichtige, konsequente und auf lange Frist angelegte Politik zu verfolgen, die ihr für einige Dauer eine Führungsrolle in der Weltpolitik einräumen würde. Amerikas Regierungsorganisation bedingt einen schnellen Personalumschlag in allen höheren Ämtern, die mit den auswärtigen Angelegenheiten befaßt sind. Dies führt zwangsläufig zu hochgradigem Dilettantismus in der Formulierung und Handhabung der Außenpolitik. Dabei wird die Diplomatie leicht zum Spielball von Minderheiten-Interessen, die mit Außenpolitik überhaupt nichts zu tun haben.