Wir wollen unsern alten Kaiser Wilhelm ganz bestimmt nicht wiederhaben – Soldaten werden, so sie in der Kneipe sitzen und besonders, wenn sie zuvor noch getötet haben, zur Soldateska, sie führen Unflat und Gewieher im Munde und möchten der Frau Wirtin werweißwohin fassen – Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht sind ganz anders – Deutsche Spießer sind Spießer – Politiker der Weimarer Zeit waren tumb, aber redselig, so kamen sie zu nichts – Krieg ist lange nicht so schön, wie man denkt.

Solcherart Einsichten ließen sich jüngst in der Berliner Akademie der Künste gewinnen mit Hilfe eines Lehrstücks, betitelt „Nationale Feiertage“. Man verließ den Ort der anklägerischaufklärerischen Tat – eine Uraufführung vom Studio der Deutschen Oper Berlin – dankbaren Bürgerherzens. Denn endlich ward hier einmal ausgesprochen und vorgeführt, was ein halbes Jahrhundert lang unerkannt geblieben, was keinem Karikaturisten und keiner Brettlbühne, keinem Geschichtsschreiber und keinem Augenzeugen aufgefallen war. Was höchstens ein ganz klein wenig unserer christlichen Opposition ahnbar geworden sein dürfte, seit sie deutlicher spürt, daß es mit den Sozialdemokraten irgend etwas auf sich hat.

Die Verfasser der „Aktion mit Musik“, Claus H. Henneberg (Szenerie) und Thomas Kessler (Musik), ließen den naheliegenden Gedanken nicht ungedacht, daß ein so stichhaltiges kerniges Sujet seine Schlüssigkeit in sich selbst trage und vor ästhetischer Manipulation bewahrt werden müsse. Nichts also wäre ihnen sittenwidriger gewesen, als in überkommener Manier die „Aktion“ auf dem Theater dramaturgischem Zugriff auszuliefern. Theater soll nicht vorschreiben, es soll überlassen.

Und so fühlten sich die Besucher der Fünfviertelstundenvorführung gebührend sich selbst und dem überantwortet, was in respektabler Direktheit von der Bühne auf sie eindrang. Die „Aktion“ gab die Heterogenität des Stoffs unverfremdet weiter ins Parkett. Der Regisseur Winfried Bauernfeind hatte den Mut, Kompromißlerischem zu entsagen. Ganz und gar bekannte er sich zur „offenen Form“, versuchte nicht, auch nur durch Ansätze inszenatorischer Geschlossenheit ans Kunstwerk abgewirtschafteter Machart zu erinnern.

Kesslers Musik der andeutenden Tonfälle hielt sich an zentralen Stellen angemessen abseits. Die im Instrumentalisierungsstil, einer Vokaltechnik, die, wenn etwa Cathy Berberian sie ausführt, stupende wirkt, gehaltene „Arie, dem Andenken Rosa Luxemburgs gewidmet“, wirkte vor dem Bild der Widmungsträgerin so unbeirrbar beziehungslos, wie es die Devise fordert: Ein Bild ist ein Bild, und eine Sängerin ist eine Sängerin.

Mitunter allerdings drohte die Aktion eine Spur ins Etablierte, ins Konventionelle abzugleiten. Als sich nämlich im „Prozeß gegen die Mörder“ unversehens eine Art theatralischer Wesentlichkeit einzustellen begann. Oder als Zeitungskommentare zum Tod von Luxemburg und Liebknecht nicht gar so larmoyant, so pathetisch verlesen wurden wie zuvor Rosa Luxemburgs Briefe und dadurch im Publikum tatsächlich so etwas hervorriefen, was – ob nun im Brechtschen Sinne oder nicht – an Berührtheit grenzte. Joachim Matzner