Von Christian Schmidt-Häuer

Durres/Tirana, im September

Vom Erbe Mohammeds geblieben ist das schwarze Kopftuch, das die alten Albanerinnen nördlich von Tirana seit fünfhundert Jahren tragen. Auch die Frau, die an diesem Abend als einzige unter lauter Männern in einem Restaurant in der Hafenstadt Durres sitzt, trägt ein solches Tuch. Sie stammt aus dem Skanderbeg-Gebirge und hat, wie 80 Prozent ihrer Landsleute damals, nicht lesen und schreiben gelernt. Diese Frau bestellt sich heute ganz selbstverständlich ein Bier und zündet sich eine Zigarette an.

Die Schnitte zwischen Vergangenheit und Gegenwart in Albanien wirken wie Szenen aus einem surrealistischen Film. Aus dem neuen Kulturpalast in Durres dringt das Trompetensolo eines Amateurs: "Strangers in the night." Von dieser Stelle aus rief früher der Muezzin; damals stand hier eine Moschee. Die Kulturrevolution hat sie wie viele andere planiert, nur vier oder fünf Moscheen blieben: als Tischlerwerkstatt, als Konfektionsfabrik, als Museum.

Die politische Gleichschaltung hat dennoch keine uniformierte Gesellschaft geschaffen. Es gibt keine Demonstranten, die Mao- oder Enver-Hodscha-Bibeln schwingen. Was alle verbindet, ist der grenzenlose nationale Stolz dieser ältesten Balkanbewohner, sich gegen eine imperialistische Umwelt, von Montenegro bis Moskau, von Athen bis Ankara, von Serbien bis Italien, durchgesetzt zu haben. Was die Menschen unterscheidet, das sind ihre Reaktionen auf eine Gegenwart, die das Regime nicht mehr völlig von ausländischen Einflüssen freihalten kann.

Ein jüngeres Parteimitglied erzählte mir, seine Frau habe kürzlich einen Minirock angezogen. Er habe sie zunächst gewähren lassen – offensichtlich schwankte er zwischen der von der Partei wieder stärker propagierten Gleichberechtigung von Mann und Frau und der Furcht vor Dekadenz. Schließlich bat er sie aber, wieder einen längeren Rock zu tragen. "Sie ist eben zehn Jahre jünger", sagte er zu mir halb skeptisch, halb entschuldigend. Doch allenthalben, sei es in der Kleidermode oder wie man die Haare trägt, beginnen die jungen Albaner sich zaghaft am italienischen Fernsehen zu orientieren. Das albanische Fernsehen sendet vorerst nur an einigen Tagen der Woche; Bildschirme werden bisher allein an führende Leute und für die Gemeinschaftsräume der Kooperativen geliefert.

Zum "Fernsehen" kommen auch die einheimischen Spaziergänger zu Hunderten, wenn auf der Hotelterrasse die Touristen nach Tango- und Beat-Melodien tanzen. Niemand verbietet ihnen das Zuschauen. Anders erging es einem Studenten, der mich auf der Straße ansprach – in gutem Englisch, das in der Schule gelehrt wird (die Alternativen sind Russisch oder Französisch). Der junge Albanier erzählte von seinem Studium – bis plötzlich ein älterer mißtrauischer Passant die Unterhaltung unterband.