Von Wolf Thomas

Viele haben die „Hasch-Welle“ bereits beurteilt; und es ist bislang noch niemandem schwergefallen, zu verurteilen oder freizusprechen. Das Phänomen anwachsenden Rauschgiftkonsums in bestimmten sozialen Schichten ist jedoch lediglich in Ansätzen gesellschaftlich erklärt worden: Jede größere Publikation enthält, sozusagen als „Pflicht“ im Unterschied zur journalistischen „Kür“, ein paar schlaue Absätze über die sozialen Ursachen. Dort wimmelt es dann zumeist von schlechten Abstraktionen: klerikale Autoren nennen den „Gegensatz von Mensch und Technik“ als Grund des Rauschgiftkonsums, andere den Generationenkonflikt, die „neue Sensibilität“, die „Woodstock-Generation“ und dergleichen austauschbare Abstrakta mehr.

Gesellschaftlich den anwachsenden Rauschgiftkonsum zu erklären, wäre eine Aufgabe wissenschaftlicher Arbeit. Hier kann lediglich versucht werden, einen möglichen Ansatz aufzuzeigen: Es ist nämlich beileibe nicht „die Jugend“, die Rauschgifte konsumiert.

Es handelt sich hier im wesentlichen um Gymnasiasten und Studenten. Im folgenden wollen wir uns darauf beschränken, Grüde für den Rauschgiftkonsum bei Gymnasiasten zu finden, interessant wäre allerdings auch eine Untersuchung über die neue Kiffer-Generation der intellektuellen Snobs, die, von gesicherter sozialer Position aus, beim Haschischgenuß vor allem, den Hauch von Underground, Sünde und Abenteuer genießen.

Die soziale Herkunft der Gymnasiasten gliedert sich in drei Eltern-Hauptgruppen: mittlere und kleinere Bourgeois, höhere Angestellte und Intellektuelle. Welche Ideologien entspringen diesen sozialen Stellungen? Der Bourgeois ist Kapitaleigner, Sein Handeln in der Gesellschaft bezieht sich auf ihn selbst: auf sein Kapital. Er tritt auf als selbständiger und freier Käufer und Verkäufer. Indem er sich nur als einzelnes Individuum begreifen kann, unterliegt er jener Religion des Alltags (Marx), die die gesellschaftlichen Bezüge nicht wahrnehmen kann, da sie die unmittelbare, unreflektierte Abbildung täglichen „Besorgens“, also der nicht auf die Totale gerichteten utilitaristischen Praxis ist. Ihr ist das Handeln des Subjekts sein freier Wille und entsprechend die Gesellschaft ein subjektunabhängiges, fremdes Ding.

Diese bürgerliche Ideologie, die das Gesellschaftliche als Übermenschliches petrifiziert und das Individuum nur isoliert sieht, ist der Mittelpunkt, um den die Ideologien der anderen sozialen Gruppen, aus denen die Gymnasiasten stammen, kreisen. Die höheren Angestellten erkaufen sich ihr individuelles Glück durch die schicksalhafte Gesellschaftlichkeit. Also auch hier: Trennung von Individuum und Gesellschaft. Den kommerziellen Arbeitern wie den Intellektuellen ist die Sphäre primärer Vergesellschaftung entfremdet, auch sie neigen daher zum bürgerlichen Individualismus. Gerade die Intellektuellen sehen, bedingt durch ihre relativ autonome Stellung, die Rolle des Individuums meist falsch. Ihre klassenbedingte Neigung zur liberalen Unternehmerideologie und ihrem anarchistischen Gegenbild hat in der letzten Zeit in der „kritischen Theorie“ kulminiert.

Die Gymnasiasten, von der Ideologie der Selbständigen beeinflußt, sind zum größten Teil im Begriff, diese Selbständigkeit aufgeben zu müssen zugunsten einer Eingliederung in den modernen Arbeitsprozeß. Daß es hier zu geistigen und praktischen Konflikten führen muß, liegt auf der Hand. Dieser Prozeß der Integration der früher Selbständigen oder zumindest relativ Autonomen in den modernen Arbeitsprozeß ist der wohl entscheidende Grund für die anarchistischen Tendenzen in der Schüler- und Studentenbewegung.