Stuttgart

Der „Kleine Schloßplatz“ findet nur zögernd Anklang bei den Stuttgartern: Die bei jedem Wetter graue Betoninsel in der Innenstadt (halb Westwall, halb Chandigarh) leidet sichtbar unter urbanistischer Anämie.

Nach vielen Versuchen, mittels eines leicht verbeateten schwäbischen Folkloretages Leben auf den Platz zu bringen (und durch Hajek ein paar Farbtupfer), hat man jetzt – im Rahmen der Mammutaktion „Kunst aus Flandern“ (siebzehn Ausstellungen bis in den November hinein) – einen Teil der Fläche in ein Freiluftmuseum verwandelt. Fünf Bronzeplastiken aus dem Middelheim-Park, Chefs-d’oeuvre der Skulptur unseres Jahrhunderts, stehen zwischen Boutiquen, Banken und Beton auf ihren Sockeln: Aus der musealen Sphäre entlassen, dem Betrachter ohne Zwang zur Besichtigung angeboten, und die Bildwerke in ungewohnter Weise benutzbar geworden.

Rodins „Balzac“ bildet den Mittelpunkt heftig gestikulierender Diskussionsgruppen. Immerhin haben die bronzene Gestalt und die Parolen tagespolitischer Agitationsredner eines gemeinsam: die Patina. Ein anderes Bild vor Zadkines zerklüftetem „Orpheus“ – er bildet den Hintergrund einer zufällig arrangierten Maxi-Modenschau. Eurydike auf der Suche nach ihrer Oma.

Im Gegensatz zu Gargallos „Prophet“, der gelegentlich bei älteren Damen Kopfschütteln hervorruft, geht von Maillols „Méditerrannée“ eine richtig anheimelnde Atmosphäre aus. Auf ihrem rechten Oberschenkel läßt es sich bequem sitzen, und ihr aufs Knie gestützter Oberarm ist als Kleiderbügel für abgewetzte Anti-Establishmentjoppen genausogut brauchbar wie für schicke „Dressmen“-Umhänge. Und kein Uniformierter schreitet wegen Kulturschändung ein.

hs