Weiterbildung ist nicht nur notwendig, sie ist Mode geworden. Künftig, so versprach Bundeskanzler Willy Brandt in seiner Regierungserklärung vom November 1969, soll sie durch Gesetz zum Rechtsanspruch eines jeden Bundesbürgers in abhängiger Stellung werden.

Die Deutsche Angestellten-Gewerkschaft will den Kanzler jetzt beim Wort nehmen: Sie präsentiert einen von der DAG ausgearbeiteten Gesetzentwurf. Damit sollen rund 22 Millionen Arbeitnehmern in der Bundesrepublik die Tore zur Anpassungs- und Weiterbildung geöffnet werden. Niemand soll mehr seinen eigenen Urlaub opfern müssen, um sich beruflich fit zu halten.

Wenn es nach der DAG geht, würde nach einjähriger Betriebszugehörigkeit jeder Mitarbeiter, der voll im Arbeitsleben steht, einmal im Jahr zwei Wochen für politische oder auch berufliche Fortbildung beanspruchen können. Zur Weiterbildung mit Aufstiegschancen gäbe es sogai drei Wochen bezahlten Urlaub, sprich Freistellung. Das könnte einmal für die Managementbildung interessant werden. Und wer mit wissenschaftlichen Entwicklungsaufgaben beschäftigt ist; soll sogar alle fünf Jahre einmal einen viersemestrigen Studienurlaub erhalten, und er braucht dafür nur im folgenden Jahr auf seine Bildungsfreizeit zu verzichten.

Ferner sieht der Gesetzentwurf vor, daß die Bundesanstalt für Arbeit und das Bundesministerium für Arbeit und Sozialordnung über die Auswahl der für die Weiterbildung anerkannten Bildungsträger entscheiden. Gegenwärtig bestehen über die Kapazität von Bildungseinrichtungen, Instituten und erst recht Dozenten nur vollkommen unzureichende Schätzungen. Immerhin darf sich die DAG rühmen, einer der größten – wenn nicht der größte – Bildungsträger im Bundesgebiet zu sein. Ihre Institute bieten alljährlich zirka 100 000 Plätze für Fort- und Weiterbildung an.

Schwierig wird es, wenn es zu schätzen gilt, wie viele den Bildungsurlaub beanspruchen werden, ob es einen Sturm auf die Personalabteilungen geben wird. DAG-Bildungsexperte Dr. Hierhaus glaubt, daß zunächst kaum mehr als zehn Prozent der 22 Millionen die neue Bildungschance nutzen würden. Die Klagen der Bundesanstalt für Arbeit, daß die ihr durch das Berufsförderungsgesetz gegebenen Möglichkeiten bei weitem nicht voll genutzt würden, scheinen der DAG-Prognose recht zu geben,

Die Startkosten für das Bildungsgesetz, von den Arbeitgebern auf zehn Milliarden Mark veranschlagt, errechneten die DAG-Experten mit nur rund 2,5 Milliarden Mark, die der Arbeitsausfall von 2,2 Millionen Arbeitnehmern verursachen würde. R. W.