Weil sie als wirksames Mittel galten, die Liebeslust zu reizen, aß Katharina von Medici Artischocken in solchen Mengen, daß sie einmal „fast zu platzen“ fürchtete. Von 160 000 Hausfrauen in der Bundesrepublik, 40 000 davon in Hamburg, die im Sommer vergangenen Jahres von einer französischen Firma je eine Artischocke nebst Kochanweisung und verschiedenen Zubereitungsvorschlägen ins Haus geschickt bekamen, hatten mehr als die Hälfte das fremde Gemüse nie zuvor gegessen. In Italien und in Frankreich so bekannt wie hierzulande etwa Blumenkohl, sollen die Artischocken nun auch den deutschen Markt erobern. Zwei Drittel der in einem repräsentativen Querschnitt befragten Hausfrauen waren vom Geschmack der Artischocke begeistert und verteilten die Prädikate „sehr gut“ und „gut“. Dennoch: Skepsis und Unsicherheit bei der Zubereitung sind groß. Offenbar erweckt dieses Gemüse immer noch Assoziationen von Exklusivität.

Die Artischocken kommen aus der Bretagne, dem „Finistère“, dem „Ende der Welt“, wie die Bretonen den nordwestlichen Küstenlandstrich nennen; dort liegt das größte Anbaugebiet Frankreichs mit einem jährlichen Ertrag von 90 000 Tonnen. Das milde Klima macht das Gebiet zu einem natürlichen Gewächshaus. Unter stets wechselndem Himmel, eingebettet in die hügelige Landschaft, die immer wieder überraschend den Blick auf den Atlantik freigibt, dehnen sich hier auf einer Fläche von zehntausend Hektar die Artischockenfelder.

Die „vollkommene Distel“, wie der römische, Geschichtsschreiber Plinius die Pflanze nannte, wird bis zu eineinhalb Meter hoch. Sie ist sehr frostempfindlich. Sechs Monate dauert es, bis sie zur Ernte reif ist. Geerntet wird, um den Pflanzen die Feuchtigkeit zu erhalten, frühmorgens und am Abend, und zwar von Hand. Jede einzelne Blüte wird geprüft, und, wenn für gut befunden, mit einem Messer etwa zehn Zentimeter unterhalb des Blütenkopfes vom Stiel getrennt. Eine mühselige Methode; Maschinen zur Ernte gibt es nicht. Doch das Bild ist malerisch: der Bauer, mit einem Korb auf dem Rücken die Felder durchschreitend, hier und da mit geübtem Schwung eine Artischocke hinter sich in die Kiepe werfend ...

Dem Trend zur gesunden Ernährung folgend, hat sich der Artischockenkonsum in der Bundesrepublik in den letzten drei Jahren verdreifacht; 1969 erreichte er vierhundert Tonnen: 1,2 Millionen Stück. Wissenschaftler haben herausgefunden, daß die Artischocke in der Wurzel und in den Blättern den Bitterstoff Cymarin enthält, der anregend auf die Gallenabsonderung wirkt. Man hat ferner das für Diabetiker wichtige Insulin festgestellt, dazu Zellulose, die die Verdauung anregt, Stoffe zur Hebung der Lebertätigkeit und viel Vitamin A. Und hundert Gramm des eßbaren Teils der Artischocke haben nur 63 Kalorien. Aphrodisiakum freilich ist sie nicht; aber ein Artischockengericht ist eine dekorative und die Geselligkeit fördernde Sache. Man ißt nicht einfach – man genießt, Blatt für Blatt. H. Ch.