Wie in der Mode, so hebt scheinbar auch im Kino ein Run auf die dreißiger Jahre an. Viscontis „Verdammte“ behandeln den deutschen, Bernardo Bertoluccis zwei letzte Filme den italienischen Faschismus, die Adaptionen von Bonnie and Clyde“ reichen von den deutschen „Sommersprossen“ bis zum französischen „Borsalino“.

Sidney Pollacks Film „Nur Pferden gibt man den Gnadenschuß“ spielt 1932 in Los Angeles, drei Jahre nach der Weltwirtschaftskrise, auf dem Tiefpunkt der amerikanischen Depression. Er schildert einen der damals üblichen Marathon-Tänze: Arbeitslose, Hungernde, Hoffnungslose tanzten eine Woche und länger, Tag und Nacht, vor einem immer zahlreicheren Publikum, für ein paar warme Mahlzeiten und ein Dach über dem Kopf, bis sie zusammenbrachen. Dem letzten Paar winkte eine Geldprämie.

Ein harter Film, für den Zuschauer so quälend und zermürbend wie für die verzweifelten Dauertänzer. Kranke, Alte und, als besonderer Showeffekt, eine Schwangere sind unter ihnen; wer „schlapp macht“, wird wie beim Boxkampf unter Gejohle ausgezählt und herausgetragen; Einlagen wie ein mit brüchiger Stimme vorgetragenes Liedchen oder ein müder Stepptanz werden mit ein paar hingeworfenen Cents extra honoriert; Antreiber auf Rollschuhen wecken die im Hin- und Herschwanken Schlafenden oder korrigieren die trübseligen Mienen der Erschöpften: „Keep smiling!“

Der Conférencier, ein abgewrackter entertainer, kitzelt zynisch und clever die Emotionen seines Publikums hoch, macht Stimmung mit „Jausa!“ und „Joho!“, beschwört den „Geist des Niemals-Aufgebens“ und heischt wohliges Mitleid für „diese wunderbaren, mutigen Menschen, die gegen alle Schmerzen kämpfen“ – vor einem Publikum, das, wie er weiß, sich am Elend anderer nur delektiert, um für kurze Zeit das eigene zu vergessen. Sie sind so arme Schweine wie er selber und wie die Opfer auf dem Parkett.

Der „Marathon der blutenden Füße“ dauert über tausend Stunden. Viele geben auf, andere werden bewußtlos oder hysterisch, sie bekommen Krämpfe, einer bricht tot zusammen; stundenlang hängen sie mit glasigen Augen torkelnd und lallend aneinander.

Die grauenhaftesten Szenen sind die Wettrennen zwischendurch, bei denen die letzten drei Paare ausscheiden müssen: keuchend, hektisch, mit gräßlich verzerrten, grell angestrahlten Gesichtern schieben und stoßen sie sich vorwärts, die Kamera fährt ganz dicht vor ihnen her – und hier spätestens wird deutlich, daß dieser Film mehr ist als ein Ausflug in ein düsteres Kapitel amerikanischer Depression der dreißiger Jahre, mehr auch als eine Demonstration der Erbarmungslosigkeit und Grausamkeit des Showgeschäfts. Denn diese Geschundenen sind wir selber, die Zuschauer: Der Todestanz von 1932 ist ein politisches Modell, ein Abgesang auf die westliche Gesellschaft, die mit ihrem übersteigerten Leistungsterror den einzelnen wie jene Tänzer in den Clinch treibt.

Ausgebeutete dort wie hier und heute, Opfer der Regeln und Gesetze, unter denen sie in einem unerbittlichen Existenzkampf angetreten sind: Sie schwanken zwischen Solidarität und erbitterter Konkurrenz, Bereitschaft zur Korruption und der Scham erlittener oder gegenseitig zugefügter Erniedrigung.