Von Helmut Schneider

Durch das von ihm erfundene Verfahren, Camera-obscura-Bilder auf einer Metallplatte zu fixieren, gehört Louis Daguerre zu den effektvollsten Medizinmännern der technischen Evolution.

Die Möglichkeit, Menschen und Dinge auf direktem Weg so abzubilden, wie sie sich in Wirklichkeit darstellen, zielte – über praktische Anwendungsgebiete hinaus – auf eine Erschütterung traditioneller Kunsttheorie: Malerei, die sich auf die Nachahmung der Natur berief, war durch den realitätsreproduzierenden Apparat virtuell entthront. Solange allerdings die vorgestellte Wirklichkeit der Kunst durch ästhetisches Dogma geschützt war, das der Photographie die höheren Weihen verweigerte, galt allein das Malen als schöpferisch.

Dennoch begann die Malerei, zunächst schamhaft und zögernd, sich der Konkurrenz anzupassen. Oder auch, ihr zu echappieren: Der Impressionismus eines Monet ist – überspitzt ausgedrückt – der siegreiche Rückzug in Bereiche, die der Photographie (damals) verschlossen waren. Der Anspruch der Maschine, exaktere Bilder faktischer Tatbestände zu liefern, war nicht zu ignorieren: Man mußte sich mit dem Ersatzauge so oder so arrangieren.

Die facettenreichen Stadien des Wechselspiels zwischen Malerei und Photographie einmal dokumentierend zu erhellen, gehört zu den längst überfälligen Ausstellungsprojekten. Nicht zuletzt wegen der überragenden Bedeutung, die Photos bei der heutigen Kunstproduktion haben, ist die Kenntnis der Vorstufen dieser nicht immer offen ausgetragenen Auseinandersetzung wissenswert. Nun endlich präsentiert das Münchener Stadtmuseum eine umfassende Gesamtdarstellung: "Malerei nach Photographie" – von Delacroix bis Richard Hamilton.

Wenn die Ausstellung so gut durchgeführt wäre, wie sie konzipiert ist, könnte man sie uneingeschränkt als Ereignis bezeichnen. Leider hat verständlicher wissenschaftlicher Komplettierungsdrang das Unternehmen derart aufgebläht, daß der Besucher in einem Wust von Photographien, Photographien von Photographien, Originalen und Gemäldereproduktionen förmlich ertrinkt.

Die Photographierezeption seitens der Kunst vollzog sich – von der Verwendung als Gedächtnisstütze bis Anerkennung als autonomes Rohmaterial – in Etappen, die deutlich den Verfall des künstlerischen Postulats, Wirklichkeit als Norm anzuerkennen, widerspiegeln.