Eine Weltmacht im Spiegel von Kritik und Selbstkritik – Die Überentwickelten

Was mich wundert, ist, daß die Amerikaner nicht für das epidemische Auftreten des lästigen Pilzes zwischen den Zehen verantwortlich gemacht werden. Und für das schlechte Wetter in diesem Sommer. Und für die vielen Auffahrunfälle in den rush-hours des Verkehrs. Der Le-Monde-Redakteur Claude Julien, in seinem Buch

„Das amerikanische Imperium“; mit einem Geleitwort von Jan Reifenberg; aus dem Französischen von Edwin Ortmann; Ullstein Verlag, Berlin 1969, 376 Seiten, 25,– DM,

hat sich diese und andere Gelegenheiten zur Polemik entgehen lassen. Warum nur? Ist es nicht evident, daß Dermatomykosen eine Zivilisationskrankheit sind? Nur Menschen, die sich viel waschen, werden davon befallen, und man weiß schließlich, daß die Amerikaner das Badezimmer erfunden haben. Man weiß ferner, daß es die Amerikaner waren, die mit Atomversuchen die Atmosphäre vergifteten und in Unordnung brachten – daher der viele Regen. Und Autounfälle? Julien legt überzeugend dar, daß er die Konsumorientierung der Menschen à l’américain für die Ursache all des Jammers dieser modernen Welt hält. Wozu braucht denn jeder ein Auto? Weil Ford, die General-Motors-Manager und Wallstreet den Wunsch nach diesen stinkenden vierrädrigen Karren den Leuten künstlich aufzwingen. Gäbe es keine Autos oder nicht so unsinnig viele, hätten wir auch keine rush-hour (typisch amerikanisches Wort) und keine Auffahrunfälle.

Genug. Es ist ein allzu kindliches Spiel, allzuoft und verhängnisvoll gespielt, irgendein Volk, eine Nation im Zerrspiegel übelwollender Voreingenommenheiten zu betrachten. Im selben Maße, wie wir uns glücklicherweise anschicken, das miserable Prinzip der negativen Auslese von Fakten in der Darstellung kommunistischer Länder auf den Müllhaufen ausgedienter Propagandamethoden zu werfen, wird es unglücklicherweise Mode, die Vereinigten Staaten zu verteufeln. Claude Julien, renommierter Journalist, gibt ein Beispiel auf hohem intellektuellem Niveau, mit profundem Sachverstand und fast diabolischem Geschick zur unfairen Dokumentar-Collage. Sein Buch über den amerikanischen Imperialismus ist ein Produkt sublimen Hasses.

Julien gibt sich als ein Parteigänger des „Che“ Guevara zu erkennen. All seine Sympathien sind auf Seiten der ultralinken lateinamerikanischen „Yankee“-Gegner, deren Argumentation er verfeinert und anreichert. Das zu lesen ist deshalb so quälend, weil Julien viel berechtigtes Mißtrauen, viele berechtigte Korrekturen an der gängigen amerikanischen Selbstdarstellung einbringt. Oft möchte man ihm uneingeschränkt zustimmen, wenn er scharfsinnig die Heuchelei der Legende vom american dream offenlegt, wenn er das amerikanische Missions- und Freiheitsvokabular auseinandernimmt und dahinter die nackten ökonomischen Interessen enthült.

Der Dollar-Imperialismus