Von Ludwig Pauli

Als im Jahre 1956 in Köln die Ausstellung „Kunst und Kultur der Etrusker“ gezeigt wurde, die seitdem nicht nur in europäischen Großstädten, sondern 1968 sogar in Tokio zu sehen war, ist das Interesse für diese Kultur stetig gewachsen. Die bald darauf einsetzende Reisewelle verschaffte vielen Menschen die Möglichkeit, etruskische Monumente an Ort und Stelle zu bewundern und die Museen mit einer Unmenge von mehr oder weniger eindrucksvollen Fundstücken zu besuchen. Gleichzeitig kam das Schlagwort vom „Rätsel der Etrusker“ in Mode und bot die willkommene Gelegenheit, in einer Welt, die so gar nichts Rätselhaftes mehr an sich zu haben scheint, ein stilles Eckchen zu reservieren, in dem Leute unbekannter Herkunft mit einer unverständlichen Sprache sinnenfrohe Gelage feierten und selbst in ihren Gräbern nicht auf Bequemlichkeit und protzige Zurschaustellung ihres Reichtums verzichten wollten.

So erstaunt es nicht, daß die wachsenden Fortschritte der Etruskologie in den letzten Jahrzehnten einer unbewußten Aversion begegnen; denn sie bieten ein ganz anderes Bild als jenes romantisch verklärte, dessen Anfänge in den ersten Jahrzehnten des letzten Jahrhunderts zu suchen sind. Die Fachwissenschaftler andererseits kümmern sich normalerweise herzlich wenig darum, ob und wann ihre Detailarbeit einmal zu einem großen Panorama zusammengefaßt wird. Und daß die Schulbücher um etliches hinterherhinken, nimmt man heute als Selbstverständlichkeit kaum mehr zur Kenntnis.

Dieses Versäumnis nachzuholen hat sich Werner Keller mit seinem neuen Buch vorgenommen –

Werner Keller: „Denn sie entzündeten das Licht“ – Geschichte der Etrusker – die Lösung eines Rätsels; Verlag Droemer Knaur, München; 415 S., 130 Abb. und Karten, 24,– DM.

Um es gleich zu sagen: Er hat seine Aufgabe nicht ungeschickt gelöst, und er versteht es, den Leser in einer gewissen Spannung zu halten.

Sein Kunstkniff besteht darin, seinem Buch einen stark emotionalen Unterton zu verleihen, der sich vor allem in den späteren Kapiteln fast unangenehm bemerkbar macht: eine systematische Abwertung Roms, eine ohnmächtige Wut auf den „Militärstaat am Tiber“, auf das „Land der Marschierer und Krieger“. Auf der anderen Seite schildert er die Etrusker als friedliche Leute, die sorgsam ihrem Gewerbe nachgingen und vom Handel lebten, deren politische Organisation auf das Nötigste beschränkt war und deren schlecht abzustreitende Expansion nach Kampanien und in die Po-Ebene fast lautlos vor sich ging.