Die Vorlesung heißt darum Vorlesung, weil an den Hohen Schulen des Mittelalters die Lehrer den Scholaren, die zu ihren Füßen saßen, die Texte vorlesen mußten. Vor über einem halben Jahrtausend ist seither der Buchdruck erfunden worden. Die Vorlesung aber gibt es immer noch: Immer noch wird den Studenten mündlich vorgetragen, was längst in Büchern steht oder doch in Büchern stehen könnte. Wie hier überhaupt der stolze Dilettantismus, regierte und eine Hochschuldidaktik erst heute im Entstehen begriffen ist, so ignorierte die Lehre an der deutschen Universität auch weitgehend Gutenbergs Erfindung; und mit neueren Medien, die seither dazugekommen sind, wußte sie erst recht nichts anzufangen.

Während die Technik in jede Küche eingezogen ist, haben Schulen und Hochschulen sie verschmäht. Während alle Welt nicht mehr den Plausch am Dorfbrunnen für die einzig menschenwürdige Form der Verständigung hält und ohne sich zu genieren eine Vielzahl moderner Kommunikationsmedien in Anspruch nimmt, sind gerade die Stätten, die die Grundlagen der Wissenschaft geschaffen und tradiert haben, im Mittelalter steckengeblieben.

Gestern, da Schulbildung als ein Privileg von wenigen galt, mochte es noch angehen, Klassenzimmer und Hörsäle als letzte Bastionen guter alter Art gegen das anstürmende Maschinenzeitalter zu verteidigen. Heute sieht sich das Schulwesen Massen gegenüber, die Anspruch auf Unterricht erheben, die ihn morgen in noch viel größerem Maße erheben werden und auf deren Ausbildung auch die Gesellschaft nicht verzichten kann. Doch an den Grund-, Real- und Oberschulen der Bundesrepublik fehlen inzwischen mindestens 50 000, nach Berechnung der Gewerkschaft sogar 170 000. In Aurich, Ostfriesland streikten die Schüler, weil am städtischen Gymnasium zwanzig Prozent des Unterrichts ausfallen; in Nordenham schickte das Gymnasium zwei Schüler nach Hamburg, damit sie dort Lehrer ausfindig machten; immer mehr Schulen, besonders in den ländlichen Gegenden, sehen sich gezwungen, Unterrichtsstunden, hauptsächlich solche in den naturwissenschaftlichen Fächern, ersatzlos zu streichen. Dabei soll es nach der Vorstellung der Bundesregierung 1980 die Hälfte aller Schüler bis zum Abitur bringen. „Bildungsnotstand“, „Bildungskatastrophe“: eine Gesellschaft, die von den Superlativen der Werbung mit ihren „Revolutionen“ im Bierflaschenverschlußwesen weich gemacht wurde, hat es schwer, diese Vokabeln für das zu halten, was sie sind, nämlich: die exakte Beschreibung eines Tatbestands.

Seit gut zehn Jahren werden – nicht von den Trägern des Schulwesens, sondern von der interessierten Industrie – Anstrengungen unternommen, eine Vielzahl technischer Hilfsmittel für den Unterricht zu entwickeln. Natürlich tun diese Firmen das nicht aus Sorge um das Gemeinwohl, sondern weil sie eines Tages daran zu verdienen gedenken; so schick das zur Zeit ist, sollte man den privatwirtschaftlichen Charakter solcher Initiativen dennoch nicht von vornherein zur Gemeingefahr stempeln – ohne sie wäre gar nichts unternommen, nichts erfunden worden, was der Misere abhelfen könnte.

Jedenfalls wird heute überall in der Welt, in der Sowjetunion wie in den USA, in Japan wie in Schweden daran gearbeitet, wissenschaftliche Erkenntnisse und Methoden für den Unterricht nutzbar zu machen. Eine Wende bereitet sich vor, die die bisher einschneidendste in der Geschichte der Schulen überhaupt werden dürfte. Es ist ihr schon das beliebte Attribut „kopernikanisch“ beigelegt worden – wie auch immer, in zehn Jahren werden wahrscheinlich die Schulen die größte Veränderung ihrer ganzen bisherigen Geschichte durchgemacht haben und nicht wiederzuerkennen sein.

Das Stichwort, unter das alle diese Entwicklungen subsumiert werden können, heißt: „Unterrichtstechnologie“. Obwohl kompliziertere Definitionen denkbar sind, sei hier und im folgenden darunter einfach die Anwendung wissenschaftlicher Erkenntnisse auf den Lernprozeß verstanden, und insbesondere die Verlagerung einzelner Lehrkommunikationen vom Lehrer auf andere Medien, also: die Konzipierung und Verwendung von lehrerlosen, „apersonalen“, „objektivierten“ (nämlich vom Lehrersubjekt gelösten) Unterrichtselementen.

Der Boom, den die Unterrichtstechnologie gegenwärtig hat (alle reden statt von Geräten und Programmen von Hardware und Software und fühlen sich damit schon als Experten), dürfte sich daraus erklären, daß man an sich zur Verfügung stehende technische Hilfsmittel im Unterricht wenig nutzte, bis der Bildungsnotstand so unverkennbar wurde, daß viele von der Technologie nun wiederum Wunder erwarten, die sie nicht vollbringen kann – aus diesem jähen, weil lange zurückgehaltenen Rencontre von Mitteln und Bedürfnissen, das sich im Augenblick abspielt.