Alban Berg: „Lulu-Sinfonie“/Arnold Schonberg: „Thema und Variationen op. 43 B“/Anton Webern: „Im Sommerwind“ und „Drei Stücke für Orchester“; Philadelphia Orchester, Leitung: Eugene Ormandy; CSB 72 848, 25,– DM.

Nachwagnerisches, Aphoristisches und zwölftönig Symphonisches: Unbekanntes aus der Zeit, als die eNue Musik anfing, neu zu werden, und Bekanntes aus den Jahren, in denen sie so schlimm nicht mehr war.

Weberns drei Orchesterstücke, insgesamt gut drei Minuten nur lang, haben fünfzig Jahre auf dem Dachboden gelegen, bevor Ormandy sie uraufführte; sein „Sommerwind-Idyll“, die Beschreibung eines Sommertages auf dem Lande, mit 21 Jahren komponiert, ein Stück zwischen Wagner, Strauss und frühem Schönberg, mußte sechzig Jahre warten – wer die vier Werke hintereinander hört, glaubt nicht, daß sie vom gleichen Komponisten stammen, so weit scheinen die späte Romantik und der bis ins Letzte durchgeführte punktuelle Stil von einander entfernt.

Schönbergs Variationen, ursprünglich ein Auftrag für ein Dilettanten-Orchester, ein beinahe tonales Klanggemälde, zeigen, wie weit sich die Schere zwischen Amateuren und Profis auch unter den Musikern geöffnet hat – selbst das hochqualifizierte Philadelphia Orchester hat seine Schwierigkeiten, die schwülen Farben gegen die Partien mit komplizierter Stimmenpolyphonie abzusetzen.

Glanzpunkt der Platte: die „Lulu“-Sinfonie, in der Ormandy die ganze Vieldeutigkeit der Lulu in Klangfarben zu fassen kriegt, den Kontrast zwischen zwölftöniger Logik und emotionalem Uberbau nicht überstrapaziert, eher das Kolorit als die formalen Prinzipien betont, eine „Lulu“-Interpretation, die retrospektiv ist.

Fazit: eine weitere Platte, mit der man sich in die Neue Musik hineinhören könnte – was ja immer noch opportun ist.

Heinz Josef Herbort