Die Jungsozialisten kämpfen für eine Reformpolitik

Von Sepp Binder

„Sozialismus wird durch Demokratie verwirklicht, Demokratie durch Sozialismus erfüllt.“ Godesberger Programm der SPD

Der Weg zum demokratischen Sozialismus ist weit. Die Sozialdemokraten haben vor elf Jahren mit dem Schritt zur „Volkspartei“ einen Nebenweg beschritten: Sie entschieden sich für die Rolle einer sozialen Reformpartei. Ihr Ziel ist seitdem nicht mehr die Beseitigung der bestehenden Produktions- und Herrschaftsverhältnisse, sondern die Kontrolle der wirtschaftlichen Macht. Damit gewann die SPD zwar von Wahl zu Wahl mehr Stimmen, sie verlor jedoch, so behauptet ihr linker Flügel, an theoretischer Substanz.

Der weitgehende Verzicht auf Ideologie ergab sich vor allem aus der Absicht, nur das Politisch-Praktische zu tun. In erster Linie: an die Macht zu gelangen. Die alte Linke in der SPD resignierte meistens und verkümmerte zur Bedeutungslosigkeit. Erst in den letzten Jahren gewann eine der vielen sozialdemokratischen Arbeitsgemeinschaften politisch wieder an Profil: die Jungsozialisten. Gegen starke Widerstände der Partei wurden sie Sammelbecken der innerparteilichen Opposition. Von der romantischen Nachwuchsorganisation („Wir schenken den Müttern das Lachen, den Kindern den Sonnenschein“) bis zur „Fundamentalopposition gegen das kapitalistische System“ (so der Pressesprecher der schleswig-holsteinischen SPD, Gert Börnsen) durchliefen die „Juso“ einen langen Prozeß der Entwicklung. Zwar versuchte die Partei, die ersten oppositionellen Regungen innerhalb des Verbandes bereits im Keim zu ersticken, aber es war vergeblich.

Einige Zeit hatte es den Anschein, als wäre das Verhältnis zwischen SPD und junger Parteilinker nur noch durch Verbote, Sanktionen und Amtsenthebungen bestimmt. In Köln wurden die Juso-Vorsitzenden abgesetzt, weil sie sich weigerten, für den früheren Juso-Bundesvorsitzenden Wischnewski Wahlplakate zu kleben; in München wurde gegen den ehemaligen stellvertretenden Juso-Vorsitzenden Christian Richter ein Parteiverfahren eingeleitet, weil er sich an einer Demonstration gegen eine Wahlveranstaltung der Jungen Union beteiligt hatte; in Hamburg verbot die SPD im vergangenen Jahr die Juso-Landeskonferenz, weil die Parteijungen den in Ungnade gefallenen Sozialdemokratischen Hochschulbund (SHB), den SDS und die Sozialistische Deutsche Arbeiterjugend (SDAJ) als Gäste geladen hatten.

Nirgendwo gab es so stark verhärtete Fronten wie in Westberlin. Vor 1969 spielten die Juso in den Richtungskämpfen zwischen rechtem und linkem Flügel keine wesentliche Rolle. Im Lauf des letzten Jahres jedoch sind sie zu einer starken Kraft herangewachsen.