Bonn

Wo heute noch eine Schafherde weidet und die Bonner Bürger sich am Wochenende die Beine vertreten, soll in den nächsten Jahren das neue Regierungsviertel entstehen. So hat es jenes Expertencolloquium empfohlen, das sich in den letzten Wochen mit der Hauptstadt beschäftigt hat. Die Exekutive soll sich auf dem freien Areal ansiedeln, das sich entlang des Rheins zwischen Bonn und Bad Godesberg erstreckt, und ebenso auf der anderen Rheinseite, südlich von Beuel, heimisch werden. Die Standorte, die einige Ministerien im Norden und Nordwesten Bonns und im Süden Godesbergs gefunden haben, sollen aufgegeben werden; nur das Verteidigungsministerium soll seinen alten Platz behalten.

Für die Bonner Planer bedeuten diese Vorschläge nichts Neues. Die Expertenrunde aus Architekten, Soziologen, Stadtplanern, Politologen hat eine Lösung nur wissenschaftlich abgesegnet, die sich bereits seit langem abzeichnet. Als zusammenhängende Fläche im zersiedelten Bonner Raum drängt sich die Rheinaue als künftiges Quartier der Regierung geradezu auf, zumal die meisten Grundstücke im Besitz des Bundes oder der Stadt sind. Zwei Ministerien sind dort ohnehin schon im Bau; ebenso die neue Südbrücke über den Rhein. Auch die Erweiterungspläne des Parlaments weisen zum Rheingelände.

Neu aber war, daß im Colloquium zuletzt fast ausschließlich die Entwicklung Bonns zur Bundeshauptstadt debattiert wurde.

Die Empfehlungen der Experten stellen den Bund vor die Gretchenfrage, wie er es mit der Stadt halten will, in der er sich niedergelassen hat, und zum Prüfstein wird das Votum werden, das er nach dem Colloquium zu jenem Problem abgibt, das Bonn derzeit am meisten beschäftigt: zur Gleich- oder Tieflage der Bundesbahn.

Die Stadt wird durch die Bahnlinie Rotterdam–Basel geteilt. Auf dieser meistbefahrenen Strecke der Bundesrepublik verkehren täglich 300 Züge, aber im Stadtinnern kann sie auf eine Distanz von mehreren Kilometern nur mittels dreier schienengleicher Übergänge überquert werden, deren Schranken zehn von 24 Stunden geschlossen sind.

Ursprünglich ging der Stadtrat darauf aus, diesen Bandwurm von Verkehrshindernis durch die Verlegung der Bahnstraße unter die Erde zu beseitigen, darüber vielleicht eine Straße zu bauen. Aber durch Umstände, die für Außenstehende nicht mehr zu entwirren sind, verfiel das Vorhaben „Tieflage“ auf den Planungs- und Zeichentischen mehr und mehr. Einwände der Bundesbahn, technische Schwierigkeiten, vor allem aber die Grenzen, die der Bund bei seinen Zusagen zur Mitfinanzierung zog, werden heute als Haupthindernisse angegeben.