Manchmal scheint es in der Tat, als hätte Karl Marx nicht ganz zu Unrecht unsere Geschichte mit einem „ungeschickten Rekruten“ verglichen, der „bisher nur die Aufgabe hatte, abgedroschene Geschichten nachzuexerzieren“.

Gewiß, deutsche Literatur und Philosophie waren oft die „ideale Verlängerung der deutschen Geschichte“ oder – negativ ausgedrückt – die „Vertauschung der platten mit der überschwenglichen, Misere“, aber warum zerschlägt man dann gleich den Spiegel, wenn einem die Gegenstände nicht passen?

Was bei „fortgeschrittenen Völkern praktischer Zerfall mit den modernen Staatszuständen“ bedeutet, führt offenbar in Deutschland, so läßt sich Marx variieren, leicht zum „kritischen Zerfall“ mit der literarischen „Spiegelung dieser Zustände“. Dabei hatte lange vor dem dialektischen Materialismus, auch vor Börne und Heine, der reaktionär gesinnte Adam Müller festgestellt: „Die Kunst werdet ihr nicht eher im Fortschreiten erblicken, ehe ihr euch nicht um das Fortschreiten des politischen Lebens des Landes – bekümmert.“

Wer eine neue Literatur will, muß also zuerst die Gesellschaft verändern. Das würde jedoch implizieren, daß die Qualität von Literatur und Kunst durch die Qualität der Gesellschaft bedingt wird. Mit diesem recht marxistischen Trugschluß hatte allerdings schon Karl Marx – leider mit mäßigem Erfolg – aufgeräumt: „Bei der Kunst ist es bekannt, daß bestimmte Blütezeiten derselben keineswegs im Verhältnis zur allgemeinen Entwicklung der Gesellschaft, also auch der materiellen Grundlage ... stehen.“ Im Gegenteil: Aus gesellschaftlichen Nachteilen können für Kunst und Philosophie, wie es Georg Lukács fürs deutsche achtzehnte Jahrhundert immer wieder und nicht ohne Gefahr behauptete, auch gewisse Vorteile erwachsen.

Damit ist keineswegs das Korrespondenzverhältnis zwischen Theorie und Praxis, zwischen Literatur und Gesellschaft geleugnet, sondern nur ideologischer Übereifer abgebaut. Walter Benjamin hat das Problem aus einer anderen Perspektive so dargelegt: „Je mehr nämlich die gesellschaftliche Bedeutung einer Kunst sich vermindert, desto mehr fallen die kritische und die genießende Haltung im Publikum auseinander. Das Konventionelle wird kritiklos genossen, das wirklich Neue kritisiert man mit Widerwillen.“

Gegen ein solches „bürgerliches Reproduktionsschema“ möchte auch der von Michael Krüger und Klaus Wagenbach edierte

„Tintenfisch 3“ – Jahrbuch für Literatur; Verlag Klaus Wagenbach, Berlin; 120 Seiten, 5,80 DM