Es ist höchste Zeit, die Probleme der Bevölkerungszunahme in der Dritten Welt, in den Entwicklungsländern, zu bewältigen. Mit den verwickelten Problemen setzt sich hier der Bundesminister für wirtschaftliche Zusammenarbeit auseinander:

/ Von Erhard Eppler

Heute gibt es bereits mehr als drei Milliarden Menschen. Für das/Jahr 2000 ist mit etwa sechs Milliarden zu rechnen. Während gegen Ende dieses Jahrhunderts die Menschheit alle zehn Jahre um eine Milliarde wächst, dürften zu Beginn des nächsten dazu nur noch acht Jahre nötig sein. Es ist keineswegs ausgeschlossen, daß Kinder, die heute geboren werden, noch eine Erde erleben werden, auf der fünfzehn Milliarden Menschen leben wollen. Wollte man die gegenwärtigen Zuwachsraten extrapolieren, so müßten die Enkel dieser Kinder die Erde mit sechzig Milliarden Menschen teilen.

Man sagt uns, dies sei unwahrscheinlich; denn der Bevölkerungszuwachs in den Entwicklungsländern werde sich ebenso einpendeln wie in den Industrieländern. Darin steckt ein Stück Wunschdenken.

In den meisten europäischen Ländern – nur Frankreich war atypisch – begann sich mit der industriellen Revolution die Bevölkerung in einer Weise zu vermehren, wie dies in der Geschichte unbekannt war. Hohen Geburtenraten standen sinkende Sterberaten gegenüber. Aber mit dem medizinischen Fortschritt lief der technische parallel. Für die Menschen, die zusätzlich am Leben blieben, wurden zusätzliche industrielle Arbeitsplätze geschaffen. Sie waren meist miserabel, aber sie waren produktiv. Je mehr Wohlstand und Bildung zunahmen, desto rascher ging die Geburtenrate zurück und näherte sich der gesunkenen Sterberate.

In den Entwicklungsländern sind die Erfolge in der Seuchenbekämpfung früher gekommen als bei der Industrialisierung. Europäer haben den Menschen in Asien und Afrika gezeigt, wie man nicht an Krankheiten zugrunde geht, aber nicht, wie die moderne Technik sehr viel mehr Menschen ernähren, kleiden und unterbringen und beschäftigen kann. So sind manche Länder in einen tödlichen Zirkel hineingeraten: Geburtenüberschüsse zwischen zwei und vier Prozent im Jahr überrollen die Anstrengungen im Bildungswesen, verhindern oder erschweren bessere Ernährung (etwa 300 Millionen Kinder in Entwicklungsländern sind durch Unter- und Fehlernährung lebenslang geistig geschädigt) und lassen das Heer ganz oder teilweise Arbeitslosen von sehen, die auf dem Lande keine Zukunft sehen, wandern in die Großstädte, wo sie – über die Hälfte dauernd arbeitslos – in den Slums verkommen – und nicht weniger Kinder zeugen als ihre Väter.

Elend produziert enorme Geburtenraten, und diese reproduzieren das Elend. Weil Beschäftigung, Bildung, Ernährung nicht besser werden, sinkt der Geburtenüberschuß nicht. Und weil er nicht sinkt, können die heranwachsenden Millionen kaum besser ausgebildet oder ernährt und nur in Ausnahmefällen produktiv beschäftigt werden. Kurz: In den meisten Entwicklungsländern pendelt sich gar nichts ein.