Bei den Nachwahlen in drei Wiener Wahlkreisen konnte am Sonntag die regierende Sozialistische Partei Österreichs (SPÖ) der oppositionellen österreichischen Volkspartei (ÖVP) einen Sitz im Nationalrat abnehmen. Die SPÖ verfügt nun über 82 der insgesamt 165 Parlamentssitze, die ÖVP über 78 und die Freiheitliche Partei (FFÖ) über fünf Mandate.

Rund 500 000 Wienei wurden noch einmal zu den Wahlurnen gerufen, nachdem der Verfassungsgerichtshof auf Beschwerde der FPÖ festgestellt hatte, daß die Nationaldemokratische Partei bei der Kandidatenaufstellung für die Wahlen am 1. März die nötigen Unterschriften zum Teil gefälscht hatte.

Der psychologische Gevinn ist für das SPÖ-Minderheitenkabinett unter Bruno Kreisky fast noch wichtiger als das neu errungene Mandat und die Stimmengewinne bei den gleichzeitigen Landtagswahlen in Tirol. Die Drohung Kreiskys, er werde den Nationalrat auflösen, falls die beiden Oppositionsparteien den Etat 1971 ablehnen sollten, ist glaubwürdiger geworden.

Das „überraschende Ergebnis“ hat den ehemaligen ÖVP-Vorsitzenden und Ex-Bundeskanzler Josef Klaus veranlaßt, sein Mandat niederzulegen. Seine Erklärung, er wolle jüngeren Kräften Platz machen, wird dahin gedeutet, daß die ÖVP in nächster Zeit eine Neuwahl vermeiden möchte.