Professor Becher, 63jährig, ehemaliger Sozialdemokrat und 1933 von den Nazis von seinem Lehrerposten vertrieben und in „Schutzhaft“ gesteckt. Nach seiner Rückkehr aus sowjetischer Kriegsgefangenschaft trat er 1948 in die kommunistische SED ein und machte Karriere als Funktionär im Erziehungsapparat: Leiter des Ostberliner Schulwesens, Direktor des ostdeutschen Schulbuchverlages, Herausgeber der Zeitschrift für Geschichtsunterricht. Heute ist er zuständig für die Beziehungen zu Ausländern, die sich mit Fragen des ostdeutschen Bildungswesens befassen. Wir unterhielten uns im Ostberliner „Haus des Lehrers“:

„Wir wollen in der DDR beweisen, daß es eine deutsche Alternative zur Bundesrepublik gibt, zu dem in Westdeutschland wiedererstandenen Faschismus und Revanchismus. Zum erstenmal sind bei uns in der DDR Geist und Macht auf deutschem Boden im Interesse der Werktätigen zu einer Einheit geworden, die es zu verteidigen gilt... Der Unterricht in unseren Schulen kennzeichnet sich nicht nur durch Wissenschaftlichkeit, sondern auch durch Parteilichkeit aus. Dazu gehört, daß wir der Jugend beibringen, wie klassenbewußte Arbeiter denken, und daß wir sie von der Gesetzmäßigkeit überzeugen, daß diese Arbeiterklasse mit ihrer Partei in der Gesellschaft die politische Führung übernehmen muß. Zur Parteilichkeit gehört ferner, daß in unserer Jugend ein Bild des Feindes der Menschen geschaffen wird und sie die faschistischen Verbrecher, die nazistischen Unmenschen und Alleinvertretungshetzer hassen lernen. Hinter solchem Haß steckt doch nur Menschenliebe.

Wir gehen nicht aus von einem Bild des ‚ewigen Menschen‘, von einem ‚Menschen an sich‘. Wir wollen durch gezielte Bewußtseinsänderung neue Menschen schaffen, indem wir sozialistisches Bewußtsein in ihre Köpfe hineintragen. Diese Entwicklung ist noch nicht abgeschlossen. Sechs Prozent der Bevölkerung haben 1968 ja noch gegen die neue sozialistische Verfassung gestimmt. Täglich werden durch Radio und Fernsehen noch viele bürgerliche Einflüsse an unsere Menschen herangetragen. Viele Lehrer messen auch der ideologischen Erziehung, die immer wichtiger werden muß, noch zuwenig Aufmerksamkeit bei... Anfänglich haben wir geglaubt, die Menschen allein mit moralischen Impulsen zum Sozialismus überführen zu können. Jetzt haben wir eingesehen, daß ein Zusammenwirken von moralischen und materiell-wirtschaftlichen Anreizen notwendig ist.

Unsere Presse ist deswegen so einheitlich, weil es in unserer Gesellschaft keine Gegensätze mehr gibt. In unserer Presse, in unseren Schulbüchern, und in der Fachliteratur wird all das veröffentlicht, was der Mensch wissen muß. Die spekulative Anreicherung, auf die die westliche Presse soviel Wert legt, verwirrt nur. Man weiß dann vor lauter verschiedenartigen Meinungen gar nicht mehr, was gehoben und gestochen wird. Es ist geradezu erschreckend, was da alles durcheinandergebracht wird. Die Kinder in westdeutschen Schulen tun uns wirklich leid; man bringt sie mit viel Raffinesse um das herum, was sie eigentlich wissen müßten.“

Andreas Kohlschütter