Von Hans Otto Eglau

Mehrmals die Woche fuhren in den vergangenen Monaten Verkaufsmanager des Essener Karstadt-Konzerns in eine sorgfältig bewachte Lagerhalle bei Köln. Dort trafen sie sich mit Innenarchitekten, Dekorateuren und Einkäufern zu geheimnisvollen Planspielen.

In ihrem Hallenséparée studierten die Essener Warenhausplaner den Betrieb ihres neuesten Prototyps: eines in völliger Selbstbedienung betriebenen Filialmusters, das die Verkaufsstrategen in der Karstadt-Zentrale eigens für den Konkurrenzkampf an den Stadträndern und in Kleinstädten entwickelten. Nach erfolgreicher Erprobung soll der aus Fertigbauteilen eingeschossig konstruierte Warenhaustyp an vielen Orten der Bundesrepublik nachgebaut werden.

Während die Konzernspezialisten noch an ihrem Modell experimentieren, ziehen Bauarbeiter dieser Tage bereits die Richtkronen über den ersten drei neuen Karstadt-Häusern hoch: in Hamburg-Neugraben, in Kiel-Wik und in der westfälischen Kleinstadt Kamen unweit von Dortmund. Baukosten pro Filiale, ohne Grundstück: sieben Millionen Mark.

Noch vor wenigen Jahren zog es die führenden deutschen Warenhauskonzerne fast ausschließlich in die Citys der großen Städte. Auf hartnäckiges Drängen des mittelständischen Einzelhandels fanden sich die Branchenriesen 1966 sogar bereit, für die Dauer von zwei Jahren Städte mit weniger als 200 000 Einwohnern von ihren Expansionsplänen auszunehmen.

Kaum hatten die Warenhausbosse Abstinenz, gelobt, begannen findige Händler aller Branchen, ihr Glück jenseits der Stadtzentren zu suchen. In angemieteten Fabrik- und Lagerhallen, leerstehenden Kinos und Omnibusdepots sowie in eiligst hochgezogenen Mammutbauten breiteten Möbel- und Lebensmittelhändler, Genossenschaften und Branchenfremdlinge mit Banken- und Industriekapital ein buntgewürfeltes Sortiment in Discountmanier aus. Billiger Baugrund und primitive Einrichtungen erlaubten ihnen, ihre Kundenwerbung mit extrem niedrigen Preisen zu bestreiten.

Doch nicht nur clevere Einzelgänger erkannten ihre Profitchance außerhalb der traditionellen Einkaufsoasen in den Citys. Vielmehr setzten sich die führenden Gruppen des Einzelhandels, allen voran die Einkaufsgenossenschaften Edeka und Rewe und die freiwilligen Ketten Spar und A & O schon bald an die Spitze der Verbrauchermarktbewegung. Sie entwickelten die Großdiscountläden der ersten Stunde zu voluminösen Selbstbedienungswarenhäusern, die nicht selten auf einer Verkaufsfläche von über 10 000 Quadratmetern mehr als 40 000 verschiedene Artikel anbieten und Jahresumsätze von 30 Millionen Mark und mehr erzielen.