Die Menschheit wird nicht hungern", von Colin Clark; Gustav Lübbe Verlag, Bergisch-Gladbach 1970; 210 Seiten, 19,80 DM.

Die Menschheit wird nicht hungern" – so prophezeit der britische Wissenschaftler Colin Clark. Reichlich anspruchsvoll erscheint der (deutsche) Untertitel "Analyse und Programm zum Welternährungsproblem" schon deshalb, weil es an einem "Programm" für eine bessere Lebensmittelversorgung der von Hunger bedrohten oder an Unterernährung leidenden Menschenmassen in der "dritten Welt" ganz und gar fehlt.

Das Schlußkapitel besagt zwar in seiner Oberschrift, daß "Utopien Wahrheit" (oder wohl richtiger: "Wirklichkeit") werden. Der Autor bleibt aber gerade hier im Bereich der reinen Utopie, wenn er – beispielsweise – Mutmaßungen darüber anstellt, wie man auf dem Mond Gärten anlegen könnte: für "Dauersiedlungen", die es (was "außer Frage zu stehen scheint") dort geben wird, und zwar "in Kürze". Da die Transportkosten für ein Gramm an Lebensmitteln bis zu diesen Siedlungen angeblich zehn Millionen Dollar betragen sollen, bleibt die irdische Eigenversorgung wohl auf absehbare Zeit billiger als der Import von Mondradieschen und ähnlichem Gemüse.

Freilich hat das Buch auch seine großen Vorzüge. So liest man mit Vergnügen, was der Autor über die borniert-engstirnigen Maßnahmen der indischen Bürokratie auf dem Gebiet der Bewässerung und der Kunstdüngerversorgung schreibt. Nicht minder erfrischend sind seine Anmerkungen zu den Thesen des Vorsitzenden Mao aus dem "Jahr des großen Sprungs nach vorn" (1958), als die Regierung in Peking – durch Gefälligkeitsstatistiken der Beamten auf dem Lande irregeführt – meinte, die Ernteerträge hätten sich in einem einzigen Jahr verdoppelt, und diese Errungenschaft werde von Dauer sein; ergo könne ein Drittel der ländlichen Bevölkerung (weil ja ein Teil der Nutzfläche nun entbehrlich sei) zu anderer Tätigkeit "abgezogen" werden.

Als wesentliche Erkenntnis des Autors verdient festgehalten zu werden, daß die weitverbreitete Auffassung von der mit – ungenügend beschäftigten – Arbeitskräften "übersetzten" Landwirtschaft in den tropischen und subtropischen Entwicklungsländern einfach nicht zutrifft. Warum ist das so? Die Erklärung ergibt sich aus dem Vorhandensein ausgeprägter "Arbeitsspitzen" vor allem bei der Aussaat (oder – wie beim Reis – beim Auspflanzen der Stecklinge), sowie, regional, auch bei der Ernte.

Sehr verdienstvoll ist Colin Clarks kritische Abrechnung mit den pseudostatistischen Methoden, die von der FAO, der Food and Agriculture Organisation – einer Sparte der UNO – angewandt worden sind und deren Ergebnis zunächst die Behauptung war, daß zwei Drittel der Erdbevölkerung "hungern oder unterernährt sind". Später hat man korrigiert: nicht zwei Drittel, aber immerhin 50 Prozent... Dabei wurde als "Unterernährung" ein Ernährungsstandard definiert, bei dem nicht mindestens 20 Prozent des "durchschnittlichen" Kalorienbedarfs durch hochwertige Eiweiße und Fette gedeckt werden.

Kann man noch darüber streiten, ob dieser 20-Prozent-Standard allgemeine Gültigkeit beanspruchen darf, so muß man in einem anderen Punkt dem Autor Colin Clark sicherlich recht geben: nämlich da, wo er den von der FAO recht willkürlich angenommenen "durchschnittlichen Mindestbedarf", von 2300 Kalorien je Kopf und Tag als überhöht bezeichnet.

Diese Zahl mag für den (erwachsenen) Mittel- und Nordeuropäer in etwa zutreffend sein; für den Weltdurchschnitt kann sie nicht gelten. Denn: wärmeres oder heißes Klima, ein geringeres Körpergewicht und eine geringere Arbeitsleistung der Erwachsenen sowie ein größerer prozentualer Anteil der Kinder an der Gesamtbevölkerung, das alles bedingt niedrigere Durchschnittswerte. Zudem sind die Ausgangsdaten, nach denen der Lebensmittelverbrauch in Kalorien errechnet wird, fast durchweg vage Schätzungen. Erwin Topf