ZEIT: Herr Präsident, gegenüber der deutschen Europa-Politik wird mancherlei Mißtrauen laut. Sind Sie nach Ihrem Besuch in Bonn zufrieden?

Malfatti: Die Gespräche, die ich mit Bundeskanzler Brandt, Bundesminister Scheel und anderen Mitgliedern der Regierung gehabt habe, haben mich zu der Überzeugung gebracht, daß bei der Bundesregierung ein starker Wille besteht, die europäische Integration so rasch wie möglich voranzutreiben. Das ist einer der Fixsterne, so könnte man sagen, der Politik der Bundesrepublik im Rahmen ihrer Bündnisse, der Wille, hier noch rascher Fortschritte zu erzielen auf drei wesentlichen Gebieten: der Wirtschafts- und Währungsunion, der Ausdehnung der Gemeinschaft und der politischen Union.

Natürlich betrafen meine Gespräche in Bonn und übrigens auch in Paris die aktuellen Probleme der Gemeinschaft, also die Wirtschafts- und Währungsunion sowie die Beschlüsse, die in diesem Jahr gefaßt werden sollen hinsichtlich der mittelfristigen Finanzhilfe, über das dritte mittelfristige Wirtschaftsprogramm und die Landwirtschaftspolitik.

ZEIT: Herr Präsident, Juri J. Schukow, einer der Westexperten der Sowjetunion, hat kürzlich gesagt, das Konzept des kleinen Europa sei überlebt, die Stunde Großeuropas habe geschlagen. Soll es nun zu Ende sein mit der Europäischen Gemeinschaft, mit der politischen Union?

Malfatti: Gewiß nicht. Der Wille, der von den politischen Persönlichkeiten der sechs Länder ausgedrückt wird, scheint mir doch nicht in diese Richtung zu tendieren. Das Wichtigste, was wir in der Gemeinschaft in der letzten Zeit erlebt haben, ist die Haager Gipfelkonferenz. Man will in Europa zur politischen Union kommen. Und man prüft jetzt auch die politischen Ziele der Römischen Verträge. Nun will man zum Beispiel auch die Gemeinschaft von einer reinen Zollunion in eine Wirtschafts- und Währungsunion umwandeln. Das bedeutet, daß in sehr wesentlichen Gebieten wie eben Wirtschaft und Finanzen, Währung, gewisse nationale Befugnisse auf die Gemeinschaft übertragen werden.

Ich darf noch zwei Dinge hinzufügen: Einmal ist es etwas seltsam, von einem kleinen Europa zu sprechen, in dem Moment, wo wir versuchen, dieses Europa von sechs auf zehn Mitglieder auszudehnen. Man kann es dann vielleicht immer noch klein nennen, aber man könnte ebenso sagen, daß es dann schon ziemlich groß ist. Zum zweiten soll diese größere Gemeinschaft, das wurde auch im Haag gesagt, keine geschlossene Gemeinschaft sein. Sie ist damit ein Element zur Sicherung der Stabilität, des Gleichgewichtes in Europa.

ZEIT: Ein sowjetischer Diplomat sagte mir privat, niemand in Moskau verbiete es der polnischen Regierung, den Antrag auf Aufnahme in die EWG zu stellen. Wenn Sie vom größeren Europa sprechen, wie sollen die Beziehungen zu Osteuropa geschaffen werden?