Von Wolf-Dietrich Rüfenacht

Im Sommer kamen Hippies nach Curium. Sie hatten keine Augen für die Mosaiken mit den frühchristlichen Symbolen. Die Trümmer der alten griechischen Königsstadt waren ihnen so gleichgültig wie die Vergangenheit der ganzen Insel – dieses Zypern der Antike und des byzantinischen Mittelalters: Zankapfel und Morgengabe, Kolonie, Flugzeugträger, Unruheherd. Das alles galt ihnen weniger als eine Flasche Commandariawein und das unbarmherzige Licht über der Bucht von Episkopi. Sie spürten nur den heißen Wind und sahen nur das Meer und den Bronzeton auf den Steinen. Sie blieben allzu lange aus. Als endlich der Türhüter Sokrates nach ihnen Ausschau hielt, fand er sie auf den Stufen des Theaters nackt in der Sonne liegen.

Sokrates vertrieb sie aus ihrem Paradies, weil der Mensch sich über Jahrtausende hinweg nicht einfach in den Stand der Unschuld zurückverwandeln kann. „Das geht doch nicht. Hier kommen täglich 200 bis 300 Touristen her.“ Curium gehört zum Pflichtpensum der Kunstbeflissenen wie die Johanniterburg Kolossi und das Heiligtum des Apollo Hylates. Doch Tourismus ist anstrengend bei Hitze. Sokrates empfand Sympathien für die Hippies. Er hatte einen Hang zur stoischen Philosophie seines großen Landsmanns Zeno. Jeder Reisende, dachte er, hat sein Glück im eigenen Gepäck bei sich. Curium zum selben Preis als Lehrbuchseite oder als Sonnenterrasse. Aphrodite hätte gelächelt. Vielleicht hätte sie den Schlaf der Blumenkinder bewacht.

Dies ist ihre Insel oder war es doch einmal. Sie war eine Griechin aus Babylon. Am dunklen Strand von Palea Paphos erreichte sie die Küste des Abendlands, kam zwischen Felsen aus dem Gischt hervor: aus dem Schaum geboren. (Homer: „Aphrodite aber, die das Lachen liebt, ging nach Paphos in Zypern, wo ihr Bereich und ihre duftenden Altäre waren.“) Das Meer hat ihre Spur getilgt. Erdbeben haben ihr Heiligtum auf dem Hügel zerbrochen. In einer Wüste von grauen Säulentrommeln und wilden Kapern wispert ein einheimischer Reiseführer einer Kreuzfahrergruppe von antiken Orgien und Tempelprostitution. Die Grillen überschreien ihn fast. Erinnerungen blieben, Namen, und auch die sagen nicht mehr viel. Der Tempel der Aphrodite ist ein Trümmerhaufen, in dem Archäologen nach historischen Wahrheiten wühlen. Die Wahrheit aber ist: Die Erde von Paphos hat keine Gewalt mehr über Liebe und Tod. Der Kult der großen Göttin ist verflogen wie der weiße Schaum an den Felsen am Meer.

Kein Fremder war mächtiger auf Zypern, keiner ist je so geliebt worden. Man sagt, daß in mondhellen Nächten junge Burschen zu dem Ruinenfeld gehen und Öl. und Mandelwasser auf die versunkenen Altäre träufeln. Jahrhundertelang haben sich die Fremden gegenseitig von der Insel hinweggeprügelt, um mit wechselnden Fahnen und schlimmerer Habgier wiederzukommen. Sie haben die Kupferminen ausgebeutet und die Wälder abgeholzt. Erst die jüngste Invasion kam in ein freies Zypern. Ein bißchen lästig war sie wohl auch, doch unblutig und gewinnbringend: der Tourismus, auch er ein großer, befehlsgewohnter Herr. Aber zum erstenmal in der Geschichte Zyperns zahlten die Fremden, was sie verzehrten, und honorierten Gefälligkeiten mit Trinkgeldern.

Da gibt’s für den Massentourismus wahrhaftig noch eine Mittelmeerinsel zu entdecken, nach Sizilien und Sardinien gar die drittgrößte: eine Insel am Rande Europas mit orientalischem Zauber und internationalem Komfort, endlosen Sandstränden und kühlen Zedernwäldern, geschäftigen Märkten und antiken Ruinen, Kastellen und Klöstern, guten Straßen und Englisch als dritter Landessprache. Zunächst erprobt Zypern seine Anziehungskraft noch erfolgreich an den Engländern, die es als Kolonialherren nur mühsam losgeworden war. Reiselustige Briten fühlen sich namentlich durch das warme Meer und den Sonnenschein (Durchschnittstemperatur im Winter um 16, im Sommer um 32 Grad) zu ihrer ehemaligen Kronkolonie hingezogen, ferner durch Seeluft und komfortable Hotels (zu akzeptablen Preisen), eindrucksvolle Denkmäler der Vergangenheit und Valutagleichheit (von Pfund zu Pfund) und Ähnlichkeit der Lebenshaltung.

Die Engländer haben ihre zypriotischen Schutzbefohlenen nachhaltig mit dem Vorbild der britischen Lebensführung beeindruckt. Auf der Insel gibt’s Ladenschlußzeiten und Linksverkehr, englische Doppelbeschilderung, englische Speisekarten und im zweiten Programm englische Fernsehsendungen, englische Maße und Gewichte, Golfklubs und die Todesstrafe. So ist es denn gar nicht verwunderlich, daß die Touristen zu mehr als der Hälfte aus Großbritannien kommen. Ihr Lieblingsplatz ist Kyrenia.