Die Entwicklung schreitet fort. Zur Eröffnung der IX. Internationalen Fahrrad- und Motorrad-Ausstellung in Köln hielt ein Vorstandsmitglied des „Verbandes der Fahrrad- und Motorradindustrie“ eine Rede. Sein Name war Schulz; und er sagte, man habe „gute Erfahrungen mit der Herabsetzung des Mindestalters für die Benutzung von führerscheinfreien Mofa auf fünfzehn Jahre“ gemacht.

Ob an diesem Deutsch Herr Schulz, der in dem mir vorliegenden Zeitungsbericht vornamenfrei auftrat, schuld ist oder der Messeberichterstatter, weiß ich nicht. Ich weiß auch nicht, ob es sich bei den erwähnten „guten Erfahrungen“ um Verkaufserfolge der „Mofa“-Industrie oder einfach darum handelt, daß die fünfzehnjährigen „Mofa“-Besitzer besonders vorsichtige, höfliche, tüchtige Fahrer sind; eine Beobachtung der Polizei vermutlich. Vielleicht trifft beides zu; auf jeden Fall hat Herr Schulz gefördert, daß „die Altersgrenze gesetzlich weiter reduziert“ werden müsse, nämlich auf vierzehn Jahre.

Im nächsten Jahre wird wieder eine Internationale Fahrrad- und Motorradausstellung in Köln sein, sogar die X.; wird also rasch das Mofa-Mindestalter auf vierzehn Jahre reduziert, so werden wir im Herbst 1971 genügend gute Erfahrungen haben, damit eine weitere „Reduzierung des gesetzlichen Mofa-Mindestalters“ auf dreizehn Jahre gefordert, werden kann.

Es wogt zwar ohnehin jedes Jahr ein neuer Jahrgang heran, der dringend ein Mofa braucht. Aber besser noch: wir gehen der Woge entgegen, auf daß Industrie und Polizei doppelte Freude an der Jugend haben.

Übrigens können wir damit rechnen, daß dieser Vorgang unter der Bezeichnung „das Schulz-Verfahren“ oder „das Kölner Countdown“ in die Fahrrad- und Motorradgeschichte eingehen wird. Schade nur, daß die Entwicklung einmal ein Ende hat: am Anfang nämlich, dort, wo das gesetzliche Mofa-Mindestalter auf weniger als ein Jahr reduziert wird. Wir müßten sonst um Monate kämpfen. Und wer tut das schon!

Zugleich mit der Kölner Meldung traf aus Westberlin eine Nachricht ein, die auf den Innensenator Neubauer zuiückgeht. Schon dieses zeitliche Zusammentreffen ist geeignet, stutzig zu machen, und es entsteht der Eindruck, daß Schulz und Neubauer an einem Strick ziehen. Erstens tritt auch Neubauer vornamenfrei auf; zweitens hat seine Mitteilung den Inhalt, daß zukünftig die jungen Westberliner sofort, nachdem sie die Volksschule absolviert haben, Polizisten werden können. Bisher mußten die „Bewerber ihr siebzehntes Lebensjahr vollendet haben, ehe sie in die Bereitschaftspolizei aufgenommen wurden“.

Mit anderen Worten: Bisher, mußten die Schulentlassenen warten, ehe sie Polizisten werden konnten. Jetzt können sie frisch von der Schulbank zur Polizei. Kaum haben sie die Kladde beiseite gelegt, können sie das Heft in die Hand nehmen.