Mit 19,4 Millionen Übernachtungen registrierten 1969 die in die statistische Beobachtung einbezogenen 1388 Campingplätze in der Bundesrepublik fast ebenso viele Übernachtungen wie die Hotels von Nordrhein-Westfalen im gleichen Jahr (21,2 Millionen), Und der Deutsche Camping-Club in München rechnet noch immer nicht mit einem Ende des Campingbooms. Er glaubt vielmehr, daß Camping als Freizeitform für das Wochenende noch erheblich an’Bedeutung gewinnen wird. Der Trend zur Arbeitszeitverkürzung hält an, und sogar die Schulen wollen durch die Einführung der Fünftagewoche dem Wochenendtourismus ihre Reverenz erweisen.

Das größte Hindernis für die weitere Ausbreitung der Campingbewegung ist der Mangel an geeigneten Abstellplätzen für Zelte und Wohnwagen. Die Bundesrepublik hat zwar fünfzehnmal soviel Einwohner wie Dänemark, aber nur knapp dreimal soviel Campingplätze. Wenn die Gemeinden und andere „öffentliche“ Grundeigentümer nicht bald preiswerte Grundstücke für neue Campingplätze bereitstellen, wird die alljährliche Völkerwanderung mit Zelt und Wohnwagen zu den komfortablen Campingoasen des Auslands nur noch zunehmen,

Nach Ansicht der in der Bundesrepublik tätigen Wohnwagenanbieter müßten nämlich in Deutschland in den nächsten beiden Jahren Stellflächen für zusätzlich rund 80 000 bis 90 000 Wohnwagen geschaffen werden.

Am Bau von Campingplätzen im Inland müßte aber auch die deutsche Fremdenverkehrswerbung interessiert sein. Bisher kümmert sie sich um diese Frage so gut wie gar nicht. Ja sie tut noch nicht einmal etwas – löbliche Ausnahmen bestätigen die Regel –, um die deutschen Camper durch Hinweise auf die Vorzüge deutscher Gastlichkeit, Kunst und Kultur im eigenen Land zu halten. Weder auf der Cimpingausstellung in Essen im Frühjahr noch auf den meisten regionalen Freizeitausstellungen in der Bundesrepublik haben die deutschen Fremdenverkehrswerber ihre Chance wahrgenommen.

Die Touristikberatung des Auslands dagegen hatte zur Campingschau in Essen, mit der alljährlich die Saison des „out-door-living“ eröffnet wird, Berater und nicht – wie Deutschland – Mannequins zum Prospekteverteilen entsandt. Die Campingexperten von zehn europäischen Ländern konnten den Ausstellungsbesuchern (immerhin 200 000) präzise Auskünfte anbieten, Hinweise auf neue Camps, Straßen, Autoreisezüge und Fährverbindungen geben. Das Publikum honorierte diese Bemühungen durch zahlreiche Vorbestellungen.

Es scheint also, als würde die Campingbewegung in der Bundesrepublik bisher einfach unterschätzt. Der Deutsche Camping-Club und die ebenfalls in München ansässige „Interessengemeinschaft der deutschen Campingplatzhalter“ sind auf sich allein gestellt zu schwach, um Camping als Reiseform und Erholungsangebot in der Öffentlichkeit zu vertreten. Von den Abgeordneten der Länderparlamente und des Bundestags darf sich nur ein einziger als „Campingexperte“ ausgeben: der CSU-Abgeordnete Wilhelm Röhrl im Bayerischen Landtag. Er hat im Vorjahr mitgeholfen, einen Paragraphen in der bayerischen Bauordnung, der das Abstellen von Wohnwagen einschränkte, zu beseitigen. Für diese große Tat ist ihm in Essen der „Deutsche Camping Preis“ feierlich verliehen worden. Röhrl genießt seitdem bundesweite Popularität bei Campern und Wohnwagenfahrern.

Ausgerechnet Röhrl! Er ist Nicht-Camper.

Armin Ganser